Der Schriftsteller C. P. Snow wurde berühmt, als er die "zwei Kulturen" erfand: die natur- und die geisteswissenschaftliche. Von einer dritten konnte er nur träumen sie sollte die Brücke zwischen den beiden bilden (ZEIT Nr.

6/98, S. 43).

Deutschlands Politikern geht das Erfinden neuer Kulturen wesentlich leichter von der Hand. Vorbildlich ist Bundespräsident Herzog. Er fordert "eine neue Kultur der Selbständigkeit und Verantwortung".

Dem hessischen Kultusminister Holzapfel (SPD) ist dies nicht genug, er will eine "Kultur der Anstrengung". Sowohl mehr als auch weniger Kultur für die Schulen wünscht sich der bayerische CSU-Fraktionsvorsitzende Glück: "Wir haben zuviel Mißtrauenskultur, wir brauchen mehr Vertrauenskultur." Und mit Blick auf die wachsenden Kosten von Forschungseinrichtungen verlangt es die ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Dagmar Schipanski, gar nach einer "Kultur der Schließungen".

Daß die Spezialisten fürs Wolkige unausgesetzt neue Kulturen erfinden, dürfte am Wort "Kultur" selbst liegen. Ein jüngst erschienenes Buch über Schulkultur lobt die "argumentative Breite des Begriffes".