Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit. Seit über zweihundert Jahren leuchtet die Trikolore der Französischen Revolution hinein in jede Gegenwart.

Demokratien und Diktaturen, Parteien und Parolen fanden in diesen Prinzipien ihre Legitimation. Unter diesem weiten Wertehimmel machten sich Regierungen und Bewegungen immer wieder daran, Staat und Gesellschaft zu verändern. Dabei haben sie sich meist an jenem Grundwert orientiert, der ihnen besonders bedroht oder wichtig schien. Im frühen Kapitalismus war es die Solidarität.

Im Kalten Krieg die Freiheit. Und heute, in der globalisierten Welt, die Gleichheit?

Es ist nicht zu übersehen: Ein Thema hat wieder Konjunktur, das in den Zeiten des Wohlstandes, des Wachstums und der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, wie der Soziologe Helmut Schelsky die frühen Bonner Jahre auf den Begriff brachte, fast vergessen war. Und das aus gutem Grund: Die Kluft zwischen Reich und Arm wächst, draußen in der Welt und drinnen in Deutschland. Die Daten sprechen ihre eigene Sprache. In den vergangenen zwanzig Jahren ist die Weltproduktion von 4000 auf 23 000 Milliarden Dollar gestiegen und die Zahl der Armen in der Welt um zwanzig Prozent. In Deutschland sind in den letzten fünfzehn Jahren die Einkommen aus Arbeit real um zwei Prozent, also praktisch gar nicht, die Einkommen aus Kapital hingegen um 59 Prozent gewachsen.

Der Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler Richard Hauser hat für die Zukunftskommission der Freistaaten Bayern und Sachsen ein Gutachten zur "Entwicklung und Verteilung von Einkommen und Vermögen der privaten Haushalte in Deutschland" erstellt. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die beträchtliche Wohlstandsmehrung innerhalb des Vierteljahrhunderts von 1970 bis 1995 nicht nur zu keinem Abbau, sondern zu einer Verschärfung von Ungleichheiten geführt hat. "1969 mußten in Westdeutschland zwei Prozent der Bevölkerung mit weniger als vierzig Prozent des durchschnittlichen Einkommens auskommen, 1995 waren es in den alten Bundesländern 5,7 Prozent."

Hausers Fazit ist eindeutig: "Die Entwicklung der Einkommensverteilung in der Bundesrepublik Deutschland birgt die Gefahr einer nachhaltigen Spaltung der Gesellschaft, zumal die Arbeitsmarktprobleme andauern." Wir leben in einer Gesellschaft der wachsenden Ungleichheiten. Darin stimmen nahezu alle Analysen überein. Offen und strittig bleiben die Fragen: Was sind die Ursachen? Und: Was kann man dagegen tun? Wenn wenigstens eine Verschwörung des Kapitals und der herrschenden Klasse, der böse Wille oder die Unfähigkeit einer Regierung hinter dieser Entwicklung steckten, man könnte wie in alten Zeiten auf eine Revolution hoffen - oder wenigstens auf freie Wahlen, die zivilere Möglichkeit, eine Regierung loszuwerden. Kein Zweifel: Es gibt in Deutschland eine Umverteilung von unten nach oben und von Ost nach West, die durch Politikversagen erst geschaffen wurde.

Die falsche Politik der vergangenen sieben Jahre erzählt allerdings nicht die ganze Geschichte. Es gibt drei weitere Trends, welche die Ungleichheit verstärken. Da sind einmal die geänderten Lebensverhältnisse: Die Auflösung der alten Familienbilder und Rollenzwänge sollte allen mehr Freiheit und Emanzipation bringen. Viele aber hat sie, etwa nach Scheidungen oder als Alleinerziehende, in eine neue Armut gestürzt.