Wer gehört in Deutschland zur Elite? Welche Wertvorstellungen haben Menschen, die in Wirtschaft, Politik und Kultur den Ton angeben? Diesem Thema ging ein Forscherteam an der Universität Potsdam nach und legte 2341 deutschen Führungskräften vom Bundespräsidenten bis zu Gewerkschaftssekretären, Bankiers, Richtern und Hochschulrektoren einen Fragebogen vor. In einem informativen, sehr wissenschaftlichen Buch sind die Ergebnisse der Umfrage jetzt nachzulesen.

Elitenbefragungen haben in der Bundesrepublik Tradition. Die vorhergehende fand Anfang der achtziger Jahre statt. Im Vergleich zu damals zeigen sich interessante Veränderungen. Die wichtigste: der Triumph der Bildungsreform.

In den neunziger Jahren spielen Sozialstatus und Ausbildung der Eltern zum ersten Mal in der deutschen Geschichte für den Aufstieg in die Führungsetagen kaum mehr eine Rolle. Die deutschen Eliten kommen heute gleichermaßen aus allen Gesellschaftsschichten, und ihre entscheidende Karrierehilfe war vor allem das Universitätsexamen.

Das Jurastudium, einst klassische Fahrkarte zu Spitzenpositionen, hat in den neunziger Jahren allerdings an Bedeutung verloren. Die traditionelle Übermacht der Jurisprudenz in den Chefetagen ist auf nur noch 38 Prozent Anteil geschrumpft, während die Naturwissenschaftler inzwischen 17 Prozent der Elite stellen. In den Vorständen der Unternehmen sitzen zu einem Drittel Ökonomen, jeder zweite Wirtschaftskapitän hat promoviert, und achtzig Prozent haben einen Hochschulabschluß. Frauen sind in den Firmenvorständen allerdings immer noch so selten vertreten wie vor fünfzehn Jahren, obwohl sich ihr Anteil in der Elite insgesamt auf zwölf Prozent verdoppelt hat. In den neuen Bundesländern, in denen rund sechzig Prozent der Führungspositionen mit Ostdeutschen besetzt sind, ist die Frauenpower am stärksten präsent.

Welche gesellschaftspolitischen Werte vertreten die neuen deutschen Eliten?

Die Potsdamer Studie ergibt, daß unter den Unternehmenschefs heute nur noch jeder vierte parteipolitisch engagiert ist - zu ziemlich gleichen Teilen in den Unionsparteien und der SPD. Kirchgänger sind in den Eliten ebenfalls selten, ein Drittel der deutschen Entscheidungsträger gehört nicht einmal mehr einer Religionsgemeinschaft an.

Schwerwiegende Unterschiede in den Wertvorstellungen haben die Autoren zwischen ost- und westdeutschen Eliten festgestellt. Die Westeliten, geprägt durch Marktwirtschaft, Wirtschaftswunder und teilweise die Studentenrevolte, setzten in der Umfrage individuelle Freiheit und Selbstentfaltung ganz oben auf ihre gesellschaftliche Werteskala. Ostdeutsche Führungskräfte hingegen, obwohl früher meist Kritiker des DDR-Regimes, stuften tendenziell soziale Gerechtigkeit und materielle Sicherheit höher ein. Analog plädierten dreiviertel der Westeliten für einen Abbau des Staatseinflusses in Deutschland, aber nicht einmal die Hälfte der Osteliten. Der Ost-West-Unterschied im Staatsverständnis zog sich quer durch alle Parteien und Gesellschaftsbereiche. Der Konflikt, so fürchten die Autoren, ist programmiert.