Das Drama ist zu Ende. Warum tritt dann noch einer vor? Weil dieser eine den Schiffbruch überlebt hat. An einem kalten Abend zu Halloween, während der Schneestaub über die Straßen und die flachen Häuser fegt, beginnt Rolfe Whitehouse die Geschichte seines Bruders Wade zu erzählen: Ein ganz normaler Mann hat schreckliche Dinge getan und ist danach verschwunden. "It is almost as if he never existed."

Lawford, New Hampshire. Das Gesetz hat einen Hüter: Wade Whitehouse (Nick Nolte), gesellig, aber geschieden, als Hilfspolizist gleichermaßen für Schneeräumung und Verkehrssünden zuständig. Ihn plagen: seine altkluge Tocher, die lieber bei der Mutter wäre sein brutaler Vater (James Coburn), der nun im Suff und Selbstgespräch versinkt ein stechender Zahnschmerz, der Wade die Sinne benebelt sowie ein gräßlicher Verdacht - daß der tote, übergewichtige Stadtmensch im Schnee nicht einem Jagdunfall zum Opfer fiel, sondern einem Komplott und dem gezielten Schuß von Jack Hewitt, Wades bestem Freund. "Diese Stadt braucht mich", sagt er, und man spürt die Drohung darin.

Das Wort "affliction" (so der Originaltitel des Films und des Romans von Russell Banks, der ihm zugrunde liegt) bedeutet zweierlei: Gebrechen, Beschwerden oder Heimsuchung, unsagbare Not. Solch großen Metaphern nähert sich Regisseur Paul Schrader auf die einzig mögliche Art: Er übersetzt sie in eine Fülle dicht aufeinander bezogener Details, in viele kleine, wiedererkennbare Gesten und Sätze, Orte und Lichtstimmungen, Ereignisse und Berührungen, bevor er langsam ihren Horizont aufreißt. Das tote Wild auf den Autodächern sagt zuerst nur: "Jagdsaison" nicht etwa - wie bei Norman Mailer oder Michael Cimino - "Jagd/Männer/Blut/Mythos". Und auch Wade Whitehouse geriete anderswo leicht zum Klischeetyp: der böse Glamour des Monomanen, der durchdreht. Hier, in der Darstellung von Schrader und Nolte, dem eigentlichen dritten "Autor" und Koproduzenten des Films, ist Wade eine traurige, zärtliche, impulsive Menschenseele, gehüllt in einen ungeschlachten Menschenkörper, der in keinen Raum, keine Begegnung richtig hineinzupassen scheint.

Die schöne Sprödheit von "Affliction" verdankt sich einer mitfühlenden, aber distanzierten Erzählweise, die der Struktur des Buches folgt. Der Film sucht weder die wohlige Geborgenheit von Kleinstadt-Amerikana noch jenen Thrill der Achterbahn, der alle Fahrer an den Eingeweiden nimmt und durch die Story schleudert. Wir folgen bewußt dem Akt einer Erzählung, und die Erschütterung am Ende ist ganz durch unsere Augen und Ohren, Vernunft und Erkenntnis gegangen. Selbst in den aufregendsten Momenten: Wenn Wade dem Vater unwillentlich beweist, daß er nun doch ein "ganzer Mann" geworden ist ("You're a goddamn fuckin' piece of my heart!") wenn Vater und Sohn mit gebleckten Zähnen aufeinanderprallen, Gesicht an Gesicht gepreßt wie Moby Dick und Captain Ahab in ihrem Sturz zum Meeresgrund.

Das Wort zur bösen Tat stößt Wade wie einen Tierlaut aus: Dad dead. Ein großer Schuppen brennt steil zum Himmel, umtost von kohlschwarzem Dampf. Wade geht ins Haus, setzt sich und trinkt seinen Whisky erstmals nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glas des Vaters. Hinter dem Fenster die lodernde Scheune, wie ein Film auf der Leinwand.

Hier seht ihr Wade Whitehouse, einen geplagten, gewalttätigen Mann, dessen Geschichte das Kino bisher mit den Namen Travis Bickle, Ethan Edwards und McTeague besetzt hielt. Es ist die Geschichte der Männer, die mit gesenktem Kinn und zornigen Fäusten in den Manteltaschen auf- und abgehen vor dem Haus, in der kalten Dämmerung, getrennt von jenen in der Stube, die am Feuer händehaltend beieinandersitzen und erzählen oder beten, daß die Gemeinde noch bestehenbleiben möge. Unter ihnen liegt die Geschichte eines harten Landstrichs. Der wurde von den Gletschern freigegeben, vom Abenaki-Volk besiedelt, von geschickten Einwanderern ergaunert und geplündert, an die Holz- und Papierindustrie weiterverkauft, zerkleinert, wieder aufgegeben und den letzten ratlosen Farmern zur Benutzung überlassen. Seit kurzem, seit der Zeit, in der dieser Film spielt, trägt der Boden wieder Früchte, da die Freizeitindustrie seine Eignung zum Skigebiet erkannte und ihn rasch einer kompletten Renovierung unterzog.

Im Schatten all dieser Geschichten wird schließlich die mächtigste sichtbar: die Geschichte einer Nation, in der Heimat als Eroberung, Broterwerb als Deal, das Leben als Kampf zu einer grausamen Ökonomie verschweißt sind. Ihr Bindemittel, ihr Gesetz und ihre Strafe zugleich ist die Tradition der Gewalt, ihre Rechtfertigung der Mythos von Selbsteinigung und Wiedergeburt durch Gewalt.