"Dich will ich loben: Häßliches, du hast so was Verläßliches" (Robert Gernhardt, nachdem er durch Metzingen gegangen war)

Von Martin Heidegger ist wenig Volkstümliches überliefert. Immerhin dies: "Schönes gibt es überhaupt nicht in den Wissenschaften." Sprach's und kehrte zurück in das Breisgau, um über die "Zuhandenheit des Zeugs" und ähnliche Abstrakta nachzusinnen. Die Sprache der Wissenschaft gibt ihm recht. Von schwarzen Löchern kündet sie, von unscharfen Relationen oder von der topologischen Äquivalenz irgendwelcher Mannigfaltigkeiten. Schönheit, folgert der Laie, ist weder Gegenstand noch Ergebnis moderner Forschung. Kleingehackt die Natur, verschlungen und verdaut, und was ausgeschieden wird, ist alles andere als ansehnlich. Wie im Gewölle der Eule stochern alle herum. Mit Ästhetik, wörtlich Wahrnehmung, hat das nichts zu tun.

Muß das so sein? Nein, keineswegs, findet der Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer. Deshalb hat er auch ein Buch geschrieben ("Das Schöne und das Biest"), aus dem sich nun allerdings mehr oder weniger das Gegenteil seiner Behauptung ableiten läßt.

Dem Menschen, wußte schon der Astronom Johannes Kepler, fällt es schwer, seine Worte "vom Gesichtssinn abzuziehen". Genau darauf beruht die abstrahierende Wissenschaft. Ihre Grundannahme, das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben, führt zwangsläufig zum Verlust der Anschauung. Erst dann läßt sich das Wesen der Welt formal ergründen. Kants Zweifel, ob des Pudels Kern damit zu fassen sei, hat die Wissenschaft souverän beiseite geschoben. Ohnehin ist Schönheit seit Descartes nicht länger eine Kategorie der Erkenntnis. Falls wider Erwarten doch, führt das zu haltlosen Ergebnissen. Etwa bei Johann Kaspar Lavater, dem Zürcher Pfarrer und Privatgelehrten, den Goethe in jüngeren Jahren als "besten, größten, weisesten, innigsten aller sterblichen und unsterblichen Menschen" pries. In seinen "Physiognomischen Fragmenten" erläuterte Lavater die Metamorphose vom Frosch zum Apoll, von "abscheulicher Bestialität und aufgeblasener Froschheit" bis zum höchsten menschlichen Ebenmaß. Entscheidend der Gesichtswinkel - oberhalb von siebzig Grad eitel Harmonie, unterhalb davon regredieren die armen Wesen von der Stufe des "angolischen Negers" und des "Kalmucken" hinab bis zum "Orang untang", zum Hund oder zur Schnepfe.

Lavaters Physiognomik, bei Licht betrachtet ein ausgemachter Schmarren, hat in der politischen Karikatur überlebt - die Zeichnung des Bürgerkönigs Louis Philippe, der sich in eine Birne verwandelt, ist ein berühmtes Beispiel. Der Zoologe Ernst Haeckel hat sich von Lavaters Physiognomik bei der Formulierung seines "biogenetischen Grundgesetzes" leiten lassen jedes Lebewesen, davon war er überzeugt, rekapituliere während seiner Entwicklung im Schnelldurchgang die Stammesgeschichte. Ein gewisser Frederik Adama van Scheltema hat das Schema noch einmal auf die geistige Entwicklung des Ariers übertragen. Aber im Grunde genommen ist die Idee mausetot. Es gibt keinen Automatismus der Vervollkommnung. Nirgendwo eine Hierarchie der Schönheit.

Sie läßt sich nicht mit dem Winkelmaß bestimmen. Wer das behauptet, über dem schwebt das Damoklesschwert der Lächerlichkeit.

Was noch lange nicht heißt, daß das Thema nicht wieder und wieder hervorgezerrt würde.