- Schönheit ist rund, fand Erasmus Darwin, der Großvater des Begründers der Evolutionslehre. Und zwar, weil schon das Baby kurz nach dem Eintritt in diese kalte Welt nach dem Mutterbusen greift: "Wenn dann in unseren reiferen Jahren irgendein Objekt vor uns liegt, das aufgrund seiner wellenartigen Spirallinien Ähnlichkeit zu der weiblichen Brust besitzt - eine Landschaft, eine antike Vase -, dann spüren wir das allgemeine Schimmern der Freude."

- Schönheit ist symmetrisch, glaubte Francis Galton, ein Vetter von Charles Darwin. Als er Photographien von Strauchdieben und anderen Gesetzesbrechern übereinanderschob, um das typische Antlitz eines Kriminellen zu erzeugen, fand er die Mischgesichter um so anziehender, je mehr sich ihre individuelle Unregelmäßigkeit verlor. Psychologen veranstalten bis auf den heutigen Tag Meßreihen, aus denen beispielsweise hervorgeht, daß Männer, die überwiegend symmetrisch gebaut sind, früher und häufiger Sex haben als ihre asymmetrischen Konkurrenten Frauen beschert der Kontakt umgekehrt angeblich den besseren Orgasmus.

- Schönheit ist 1/2 (L5-1) = 0,618033 ..., also G, die irrationale, die Goldene Zahl. Das wußte Euklid, das predigte Leonardo, das verkünden bis heute alle Autoren, die sich dem Gegenstand mit der Brille des Naturforschers nähern. Die Mutter aller Proportionen stöbern sie im DNS-Modell auf, in der Schneckenmuschel, im Tannenzapfen. Eine moderne Variante ist das Fraktal, in jedem Blumenkohl zu besichtigen.

Und so weiter. Bloß: Sehr weit führt das nicht. Vierhundert Jahre nach Kopernikus nichts Neues unter der Sonne. Daß der menschliche Sinn für Schönheit gleichsam mit dem Urknall zur Welt kam, will der britische Astronom John D. Barrow beweisen. "Der kosmische Schnitt" findet sich seiner Ansicht nach überall wieder, in Landschaftsgärten, auf der Leinwand, vor allem in der Musik. Barrows Vorhaben ist anspruchsvoller als das seines Kollegen Fischer, aber scheitert nur auf höherem Niveau. Die Hubble-Konstante kann manches erklären die Pracht des Himmels beschreibt sie nicht.

Alle liegen wir im Sumpf, meinte Oscar Wilde, nur einige blicken zu den Sternen. Der Forscher sucht den Ausgleich in seiner ureigenen Forschung.

Ludwig Boltzmann erblickte in den Maxwellschen Gleichungen, also im Wechselverhältnis zwischen Elektrizität und Magnetismus, so viel "Wonne" und "Lebensglück", ja "Erhabenheit, die in keiner Kunst ein Gleiches, höchstens in der symphonischen Musik hat". Francis Crick und James Watson waren von der Schönheit ihres DNS-Modells selbst so ergriffen, daß sie keine Sekunde an der Richtigkeit zweifelten mit Experimenten hielten sie sich ohnehin nicht lange auf. Sphärenklänge tönen für den, der Augen hat, zu hören, am schönsten auf dem Papier. Daraus folgert Ernst Peter Fischer: "Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Dichtung ist dabei, zu verschwinden. Ins Positive gewendet: Was ein Theoretiker des Universums über die Welt sagt, könnte vom Publikum nach denselben Kriterien beurteilt werden wie das, was ein Schriftsteller ersinnt."

Warum nicht gleich alles in einen Mustopf rühren? Denn da waren Kunst und Wissenschaft schon einmal, wie eine Aufsatzsammlung, herausgegeben von Olaf Breidbach, zeigt ("Natur der Ästhetik - Ästhetik der Natur").