Wir brauchen mehr Existenzgründer - wenn Anton Franz diese Forderung hört, dann vergeht ihm die gute Laune. Der junge Hesse würde sich gern als Selbständiger niederlassen er gehört also genau zu der Spezies von Mensch, die Kanzler und Präsident allerorten loben. Wäre da nicht ein kleiner Haken: Franz ist Zimmermann. Zwar hat er die Gesellenprüfung bestanden und seine handwerklichen Fähigkeiten bewiesen, doch mit einer Zimmerei dürfen sich hierzulande nur Meister niederlassen. "Der Meisterbrief würde mich alles in allem 100 000 Mark kosten, das ist viel zu teuer", sagt er, und so wird aus dem Traum von der Selbständigkeit wohl vorerst nichts.

Doch Anton Franz gibt nicht so leicht auf. Gemeinsam mit anderen Leidensgenossen kämpft er im Berufsverband unabhängiger HandwerkerInnen (BUH) für "die Möglichkeit, auch im Handwerk ohne Meister selbständig zu werden".

Neu sei das übrigens nicht: Erst 1935 verpflichteten die Nationalsozialisten alle Handwerker, die sich selbständig niederlassen wollten, den Meister zu machen. Nach dem Krieg wurde die Regulierung 1953 wieder eingeführt - die BUH-Aktivisten halten das für eine Fehlentscheidung. Ihr Argument: Dürften sich Leute wie sie niederlassen, entstünden Tausende von Arbeitsplätze.

Trotz der Massenarbeitslosigkeit haben die unabhängigen Handwerker bislang wenig Aussicht auf Erfolg - im Gegenteil. Erst in der vergangenen Woche ließen CDU, SPD und FDP eine seit drei Jahren diskutierte Novelle der Handwerksordnung wieder in der Schublade verschwinden. Zwar hätte das Gesetz kaum Vorrechte der traditionellen Branchen abgeschafft. Doch selbst das wenige war zuviel. So wehrten sich zum Beispiel die Dachdecker vehement dagegen, daß auch Zimmerleute Dächer decken dürfen. "Im Wahljahr will keine große Partei etwas gegen die Verbände unternehmen", mutmaßt Anton Franz. Das Terrain für handwerklich begabte Existenzgründer ohne Meisterschein bleibt also klein.

Ein Beispiel ist die Computerbranche: Bislang vernetzte manch kundiger Freak ohne Ausbildung Computer. So entstanden etliche innovative Computerunternehmen - auch ohne daß der Chef einen Meisterbrief vorweisen konnte. Immer häufiger aber werden wohl die Gerichte entscheiden, wer noch Festplatten zusammenstecken darf. Mittlerweile nämlich haben auch die Informationselektroniker diese Tätigkeit entdeckt und flugs in ihre Meisterverordnung aufgenommen. Genau diese Verordnung aber ziehen Gerichte zu Rate, wenn sie urteilen, ob etwas nun ein Handwerk ist oder nicht. Für manchen Meister ist das ein probates Mittel, um unliebsame Konkurrenten ohne Meisterbrief aus dem Weg zu klagen.

Der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) verteidigt solche Rechte.

Der "dynamische Handwerksbegriff" mache es nötig, daß auch "neue Techniken und Verfahren verpflichtender Bestandteil der Meisterprüfung werden", so Dieter Philipp, Präsident des ZDH. Sonst stürbe das Handwerk aus. Im Klartext: Wenn die Meister nicht stetig neue Felder besetzten - selbst wenn das Handwerk die gar nicht erfunden hat -, dann würden sie überflüssig. Das aber wäre schlimm, so die Lobbyisten. Nur durch die strengen Meisterprüfungen seien hohe Produktqualität, geringe Insolvenz und Ausbildungsplätze garantiert.