Dies ist ein Buch, dessen Lektüre Westdeutschen wie Ostdeutschen gleichermaßen anzuempfehlen ist: Westdeutschen, weil sie seit Karl Wilhelm Frickes "Opposition und Widerstand in der DDR" von 1984 keinen so geschlossenen Überblick über die DDR-Opposition lesen konnten, und Ostdeutschen, weil es die Erinnerung an heimtückische Repression und laue Anpassung in der DDR schärft. Der Autor Ehrhart Neubert, Pfarrer in Thüringen und heute Mitarbeiter der Forschungsabteilung der Gauck-Behörde, war selbst Teil dieser Opposition. Er schreibt aus der Innenansicht, kennt die handelnden Personen, und er konnte ihre Privatarchive einsehen. Das macht sein Buch anschaulich, aber es erklärt auch, warum die innerkirchlichen Vorgänge einen überaus breiten Raum einnehmen.

Ein weiter Bogen wird gespannt: vom Widerstand gegen die Stalinisierung der sowjetischen Besatzungszone vor Gründung der DDR bis zu den runden Tischen, an denen zum Ende der DDR die Vertreter der oppositionellen Gruppen erstmals gleichberechtigt mit den Repräsentanten von Partei und Staat verhandelten.

Als die neuen Gruppierungen, die sich aus der Opposition gebildet hatten, in die Volkskammer einzogen, verloren sie ihre Oppositionsrolle. Aber nur die wenigsten Oppositionellen wurden Teil des politischen Establishments.

Die hohen Ideale, die viele Oppositionelle in der geistigen und moralischen Auseinandersetzung mit dem totalitären Staat entwickelt hatten, stießen an die Mauern der Realität. "Oppositionelle", so Neubert, "strebten nach der einen und geeinten freien und gerechten Welt und kamen im vereinten Deutschland an."

Mit seinem Material hätte Neubert mühelos ein doppelt so dickes Werk schreiben können. Doch schon die 900 Textseiten sind kaum zu bewältigen, obwohl nahezu jede einzelne von ihnen spannend und oft aufregend zu lesen ist, selbst dann, wenn eigentlich bekannte Vorgänge wie die Ausweisung von Wolf Biermann, die Selbstverbrennung von Pfarrer Brüsewitz oder die Rosa-Luxemburg-Demonstration geschildert werden. Doch vieles ist auch wirklich neu oder weitgehend vergessen. Und es lebt noch einmal die regionale und intellektuelle Vielfalt der oppositionellen Gruppen auf mit ihren politischen, kirchlichen, kulturellen, ökologischen oder pazifistischen Ursprüngen.

Immer wieder wird bei der Lektüre die panische Angst der Herrschenden vor ein paar hundert, selbst vor vereinzelten Andersdenkenden deutlich. So wenig sicher waren sich die Funktionäre und deren Ideologen ihrer Sache, daß sie sich nie auf Argumente oder gar auf Diskussionen einließen, sondern nur auf Agitation, Repression und Diffamierung.

Wie weit der Totalitätsanspruch des Staates ging, das zeigt das Verbot des Aufnähers "Schwerter zu Pflugscharen". Ein offizielles Symbol sozialistischer "Friedenspolitik", das als sowjetisches Denkmal vor den Vereinten Nationen in New York steht und im offiziösen Gedenkbuch zur sozialistischen Jugendweihe abgebildet wurde, mutierte in den Augen der SED in dem Augenblick zum Widerstandszeichen, als Zehntausende von Jugendlichen es auf ihre Kleidung nähten. Schließlich verzichtete die Kirche auf das Friedenssymbol "um des lieben Friedens willen".