Keiner hätte ihn Charlie genannt. Mr. Charles möglicherweise. Wie groß Charles Mingus wirklich war, konnte keiner sagen, er spielte immer überlebensgroß. Ob Komponist, Bassist oder Bandleader, er regierte im eigenen Reich, zwischen Bebop und Free Jazz, Lordsiegelbewahrer von Duke Ellington und musikalischer Black Panther, voller Haß gegen die Weißen und - sich selbst. Als "gelber Neger" in Watts, Los Angeles aufgewachsen, mit indianischem und britischem Blut vermischt, empfand er sich als "Beneath The Underdog", wie er seine semipornographische Autobiographie nannte. Heute stünde er (1922-1979) als schwergewichtiger Rapper auf der Abschußliste, damals legte er sich mit allen an: Plattenfirmen, Veranstaltern, Musikern, dem Publikum. Nach vierzig Jahren scheint dies alles vergessen. "Passions Of A Man - The Complete Atlantic Recordings 1956-1961" präsentieren den Aufschrei digital auf fünf CDs, im Schellackalbum-Imitat, samt Hochglanz-Beibuch und Interview-CD, alles zusammen im Schuber (Atlantik/Rhino 72871 Vertrieb: Eastwest).

Die Verpackung ist die Botschaft. Doch wie sehr sich auch die Gesamtausgaben-Ideologie bemühen mag, die Sprengkraft des einzelnen Stückes durch Überfülle zu ersticken, mit den ersten schweren Tönen des Basses beginnt die Musik zu vibrieren: "Oh Lord" - laut, lauter, LAUT! Ein Köcheln und Kochen, ein Hexenkessel aus Posaune, Saxophonen und Trompete, dirigiert von Charles Mingus, der oft während der Aufnahme mit seinem Baß durchs Studio wanderte, um den Solisten seinen musikalischen Atem einzuhauchen. Aus sicherem Abstand gehört, entzieht er sich noch heute jeder Kategorisierung.

Sicher, er transponierte die Kollektivimprovisation vom New Orleans Jazz in die Moderne, er jonglierte souverän mit Tempoverschiebungen und Dynamik, er verband Form und Freiheit, und doch bleiben diese Bemerkungen Papier. Wenn schon, dann zelebrierte er einen dionysischen Gottesdienst zum Lobpreis von Rebellion, Liebe und Rausch, dann sprechen seine Musiker in Zungen, legen Zeugnis ab durch Flüstern und Schreien und schmelzende Melodien. Schwarzer Jazz - das erzählt Mingus' Musik - ist Sprache. Und selten redeten sie mit so viel Inbrunst wie bei ihm: Roland Kirk, Booker Ervin, Jimmy Knepper, John Handy, Eric Dolphy. Vom Blues und Gospel ("Oh Yeah" / "Blues & Roots") über das Konzert ("At Antibes") und die Gedichte ("The Clown") zur Kammermusik ("Pithecantropus Erectus") werden Ruf und Antwort eins. Er spielt und stöhnt und singt - Charles Mingus widersteht jedem Design.