Cambridge, Massachusetts

Meine Frage ist auf täuschende Weise einfach, und meine Antwort könnte auf deprimierende Weise enttäuschen. Kann die amerikanische Presse, die so ungeheuer wichtig für die Erhaltung einer freien und offenen Gesellschaft ist, wieder ihren einstigen Glanz und ihre Legitimität zurückgewinnen? Ihr jüngstes Verhalten legt die Antwort Nein nahe.

Die Berichterstattung über die beiden Gerichtsverfahren gegen O. J. Simpson war übertrieben, ihr fehlte es in erschütterndem Maße an Tiefe und Zusammenhang. Ähnlich sprengten die Berichte über den tragischen Tod von Prinzessin Diana alle bisherigen Dimensionen - mit einer Presse und Paparazzi, die sich durch das Privatleben der britischen Königsfamilie wühlten. Nun ist die Sex-Sage mit Monica Lewinsky auf die Washingtoner (und die Welt-)Szene geplatzt, und die Maßstäbe der Presse sind in einem unsinnigen Verurteilungswettkampf zusammengebrochen.

Viele Medienleute scheinen unter der Annahme zu arbeiten, daß der Präsident schuldig sei. Sie drucken und senden Informationen nicht, weil sie diese geprüft und belegt haben, sondern weil sie, wie sie sagen, "da draußen" sind das heißt soviel wie, wenn jemand anders diese Informationen gesendet oder veröffentlicht hat, dann ist es völlig in Ordnung, genau dasselbe zu tun.

Unabhängige Berichterstattung? Vergiß sie! Oder wie James Baker, der ehemalige US-Außenminister, das Verhalten der Presse sarkastisch beschrieb: "Erst berichten, später nachprüfen."

Wie konnte die Presse auf ein so unprofessionelles Niveau herabsinken? Mir scheint, dafür gibt es drei Gründe:

Erstens die neue Technologie: Es ist noch nicht lange her, da gab es in Amerika drei große Fernsehsender. Heute gibt es Hunderte von Kabelsendern, Tausende von Quellen im Internet und eine Explosion von Talk-Shows im Fernsehen und im Radio ohne Rücksicht auf geprüfte Fakten wird dort geredet, geredet, geredet. Alle befinden sich in einer zornigen, 24stündigen Konkurrenz, die schließlich die journalistischen Maßstäbe auf den kleinsten gemeinsamen Nenner drückt und neben anderen Sünden Fiktion mit Fakt verwechselt.