Es gibt ein Paradox, das unter Logikern als "das Paradox von der unvorhersehbaren Klassenarbeit" bekannt ist. Dabei kündigt ein Lehrer seinen Schülern an, er werde in der nächsten Woche eine unerwartete Klassenarbeit schreiben lassen. Die Schüler antworten ihm: "Unmöglich. Ist die Arbeit am Donnerstag noch nicht geschrieben, wissen wir, daß sie Freitag kommen muß - und dann ist sie aber nicht mehr unerwartet. Der Freitag fällt also als Termin aus. Bleibt der Donnerstag als letzter möglicher Tag, und für den gilt wieder dasselbe. So fällt auch der Mittwoch weg. Und so weiter: Eine unerwartetete Klassenarbeit kann es nicht geben." Der Lehrer bestätigt den Schülern, daß ihre Überlegungen logisch einwandfrei seien, und läßt am Mittwoch eine Klassenarbeit schreiben. Sie kommt völlig unerwartet - die Schüler hatten schließlich bewiesen, daß sie unmöglich sei.

Diese Geschichte fällt mir immer dann ein, wenn ich an meinen Konflikt mit unserer Frauenbeauftragten denke. Ihr Verhalten kam für mich völlig unerwartet, weil ich es für unmöglich gehalten hatte. Es ist schon eine Weile her, da war am Englischen Seminar der Uni Hamburg die Stelle des leitenden Wissenschaftlichen Mitarbeiters am Arbeitsbereich Theater zu besetzen, eine Doktorandenstelle. Als verantwortlicher Betreuer schickte ich an nahezu alle deutschen Universitäten einen Ausschreibungstext, damit aus einer möglichst großen Bewerberzahl der/die Bestqualifizierte für die Stelle gefunden werde.

Nach sorgfältiger Prüfung der zahlreichen Bewerbungen durch eine Auswahlkommission, durch den Institutsrat des Englischen Seminars und den Fachbereichsrat wurde der beste Kandidat für die Besetzung vorgeschlagen. Er war für den ganzen Arbeitsbereich der eindeutige Wunschkandidat. Aber er war ein Mann. "Da muß er durch", dachten wir und richteten uns auf den erwarteten Einspruch der Frauenbeauftragten ein. Zu unserer Freude blieb dieser bis vierzehn Tage vor dem Einstellungstermin aus. Danach konnte er nicht mehr kommen, weil in dieser kurzen Zeit eine Widerlegung des Einspruchs und eine Reaktion auf die Widerlegung nicht mehr abzuwickeln gewesen wären. Weil der Einspruch also unmöglich war, war er völlig unerwartet, als er dann doch eintraf.

Eine hektische Aktivität hob an: Wir widerlegten den Einspruch, indem wir alle Gründe, die schon die Auswahlkommission, den Institutsrat und den Fachbereichsrat überzeugt hatten, in die Form einer Preisrede gossen. Der Gedankenaustausch, der daraufhin zwischen der Abteilung und der Frauenbeauftragten einsetzte, läßt sich in seiner Dramaturgie auf folgenden Dialog zusammenziehen:

Frauenbeauftragte: Eure Argumente sind mir völlig egal. Die Frauenquote bei wissenschaftlichen Mitarbeitern ist in eurem Fachbereich zu niedrig und muß heraufgesetzt werden.

Abteilung: Aber Sie haben die Einspruchsfrist nicht eingehalten. Das legt jetzt die Abteilung für ein ganzes Semester lahm.

Frauenbeauftragte: Tut nichts, die Quote muß herauf.