Ich kenne nicht mehr viele ostdeutsche Gleichstellungsbeauftragte, die nicht geschieden sind", sagt Christine Rabe: Sie selbst hat die Trennung gerade hinter sich, die neue Wohnung mit den üblichen Mühen, die das einem berufstätigen Menschen bereitet, bezogen die Kinder, sechzehn und siebzehn Jahre alt, leben bei ihr. Der hauptamtliche Kampf für die Gleichstellung der Frau, sagt sie, verändere eben auch die Ansprüche an die eigene Partnerschaft. Die zierliche achtundvierzigjährige Diplominformatikerin sieht dabei ein wenig so aus, als ob sie sich stemme. Gegen die Unordnung im Privatleben. Gegen die Trostlosigkeit des Berliner Plattenbau-Ghettos Marzahn, für das sie als Frauenbeauftragte zuständig ist. Gegen die hohe Arbeitslosigkeit, von der die Frauen im Stadtteil überproportional betroffen sind. Was kann sie schon tun?

97 Prozent der Frauen aus Marzahn, das haben zwei Soziologinnen in Frau Rabes Auftrag herausgefragt, möchten so weiterleben wie vor der Wende: Sie wollen berufstätig sein und eine Familie haben. "Den größten Blödsinn zu diesem Thema konnte man nach 1989 in den neuen Boulevardzeitungen lesen", sagt Christine Rabe. "Dort hieß es: Endlich braucht die Ostfrau nicht mehr zu arbeiten."

Nach der Wende erblühte in Marzahn ein kurzes goldenes Zeitalter der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: "Über 400 Arbeitsplätze haben wir damals in Frauenprojekten eingerichtet", schwärmt die Gleichstellungsbeauftragte, seit 1989 Mitglied der Ostgrünen. "Die Arbeit lag auf der Straße, es gab hier keine Fraueninfrastruktur, keine Schwangerschaftskonflikt-Beratungsstelle, keine Treffpunkte für Frauen, keine Umweltberatung, nichts."

Heute gibt es weniger zu verteilen. Von ihrem eigenen Etat kann Christine Rabe nur mehr das auch im Westen übliche Bewußtseinsbildungs-Programm bestreiten: Informationsbroschüren und Workshops, "Vernetzungs"-Treffen für die örtlichen Frauen-Initiativen, Seminare, die eine oder andere Kulturveranstaltung. Wieviel davon kommt bei der Zielgruppe an? Und was nützt es? Über diesen Grundzweifel hinaus ist Takt geboten: Für den Feminismus westlicher Prägung haben die Frauen im Osten nach Christine Rabes Wahrnehmung nicht besonders viel übrig. "Westkolleginnen verstehen häufig nicht, daß sich die Frauen hier nicht in ihrem Sinne benachteiligt fühlen", sagt sie. Als einer von acht Sprecherinnen der Bundesarbeitsgemeinschaft Kommunaler Gleichstellungsbeauftragter (BAG) sind ihr westliche Zuschreibungen vertraut.

Doch offenbar hat das materielle Sein der DDR das Bewußtsein der Frauen mehr geprägt, als es feministische Lehrgänge jetzt könnten. Ihr Selbstwertgefühl wird durch die drohende Arbeitslosigkeit stärker angegriffen als durch vermeintliche oder tatsächliche Diskriminierung im zwischenmenschlichen Umgang. "Auch die Vorstellung westlicher Feministinnen, die DDR-Frauen hätten zusätzlich zu ihrer Berufstätigkeit noch die gesamte Hausarbeit allein erledigen müssen, ist in dieser Form zu pauschal", sagt Christine Rabe. "Wo beide arbeiteten, faßten normalerweise auch beide zu Hause mit an."

Wie man es dreht und wendet, die Probleme der Frauen in Marzahn heißen Arbeit, Arbeit und Arbeit. Nicht, daß der öffentliche Raum keine weitergehenden Wünsche mehr offengelassen hätte: Die lange, düstere Unterführung, durch die Fußgänger vom Rathaus zum Marzahner Bahnhof gelangen, ist für das westlich geschulte Frauenauge ein klassischer "Angstraum", der nach Beleuchtung, Bewachung und Videokameras schreit. "Angstraum?" fragt die Frauenbeauftragte, und ihr Lächeln zeigt für einen Moment, wie wenig die harte Zeit sie verbittern kann. "Sehen Sie, darauf bin ich wirklich noch nicht gekommen, mich hier zu fürchten."