Die Kunst leichter zu werden" heißt das Kochbuch, das Myriam Levi hinterlassen wird. Diese rätselhaft anziehende Amerikanerin erleidet endlos strapaziöse Diäten und Rückfälle in manisches Gefresse, schafft es dann doch irgendwie. Wir hören noch von manch reizvollem Rezept aus ihrem Kochbuch, aber dann folgt schon die Todesnachricht: "Die Kunst leichter zu werden" - ein Kochbuch und Kompendium der Todesarten.

Alle Personen in Mario Fortunatos Roman werfen nach und nach Lebensballast ab, hinterlassen die Schlacken des Leibes und der Geschichten und segeln von hinnen. Aber die Kunst besteht nicht im Auftritt letzter Worte, in den Dramen des Todeskampfes, in dem Aufblitzen endgültiger Einsichten, die Kunst besteht im geräuschlosen Abgang. "Gleitet Sterbliche, lastet nicht!"

Fortunatos Roman findet seine Stimmung nicht in plüschiger Morbidkultur, sondern in lakonisch lichter Stille. Über den Tod läßt sich nichts erzählen.

Vom Sterben schon, vom Leben also, vom allmählichen Aufgeben der Weltbastion, vom gelassenen Verlassen der Sinnverschanzungen - und vom Finale: furiose Grandezza des Schattens, der im Vorüberhuschen alles löscht.

Niemand war bei Signora Blasi, als sie die Tabletten schluckte. Niemand bei ihrem Mann, als er sie fand. Er versteht nicht, aber er ahnt. Seit einiger Zeit ist dem alten Paar die sanfte Harmonie ihrer langen Gemeinsamkeit zum Schauspiel geraten. Die Säure alter Geheimnisse zersetzt ihr Selbstverständnis.

So wie Signora Blasi sterben auch die anderen: an Entkräftung. Die bunten Farben der Lebensdeutlichkeiten verblassen. Unvollendetes kommt zum Vorschein: Lebenslügen und unerlöste Geschichten. Auch Signor Blasi gerät in den Sog längst gelöscht geglaubter Episoden: ja, damals auf Djerba als junger Militärarzt ...

So sucht er nach dem Tod seiner Frau immer öfter das tunesische Ferienidyll auf. Und dort trifft er Myriam Levi, die ihn magisch anzieht. Das merkt sogleich Madame Lebrun, die französische Inhaberin der Hotelboutique, Zentralorgan des Gästeklatsches und Mutter von Zwillingen. Diese beiden werden bald, einer nach dem anderen, heimlich das Haus verlassen. Sie scheinen einem Ruf zu folgen und finden den Tod, dessen Raunen sie womöglich verfallen waren.