LEIPZIG

Wenn der Leipziger wieder einmal im Stau an einer Baustelle steht oder sich mühevoll seinen Weg zwischen Schlammpfützen und offenen Baugruben bahnt, pflegt er mit einem bitter-ironischen Stoßseufzer seinem Ärger Luft zu machen. "Leipzig kommt!" entfährt es ihm dann, und in den zwei kargen Wörtern ballt sich der gesammelte Frust über die täglichen Unbilden des Aufbaus Ost.

Der flotte Slogan ist in der Stadt zum geflügelten Wort geworden, wenn auch nicht ganz so, wie es sich die kreativen Werbeköpfe gedacht hatten.

Alteingesessene Leipziger brauchen nämlich nicht erst von der Wiedergeburt ihrer Stadt aus den Trümmern des Sozialismus überzeugt zu werden. Deshalb wurde der Werbespruch, als er 1993 erstmals plakatiert und gedruckt worden war, von vielen Bürgern als eine Art Dolchstoß empfunden, eine Kapitulation vor dem Westen und vor allem dem ewigen Konkurrenten im sächsischen Städtestreit - Dresden.

Zu DDR-Zeiten durfte sich Leipzig nämlich als heimliche Hauptstadt fühlen.

Zweimal im Jahr, zur Frühjahrs- und Herbstmesse, wehte ein Hauch von Weltläufigkeit durch die graue Stadt an der Pleiße, Promis aus Politik und Wirtschaft, aus Ost und West, gaben sich die Klinke in die Hand. Hier und nicht in der "Hauptstadt" Berlin und schon gar nicht im etwas verschlafenen und vom Krieg gebeutelten Dresden, dessen Bewohner im "Tal der Ahnungslosen" nicht einmal Westfernsehen empfangen konnten, wurden wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen.

Nach der Wende war es mit dem geborgten Hauptstadtgefühl schnell vorbei, zumal Dresden als traditionsreiche Residenzstadt - und nicht Leipzig - in den Rang der Landeshauptstadt erhoben wurde. Die überlieferte Arbeitsteilung im sächsischen Städtedreieck ("In Chemnitz wird gearbeitet, in Leipzig gehandelt, in Dresden gepraßt") wollte angesichts der wirtschaftlichen Umwälzungen auch nicht mehr so recht funktionieren. Da galt es, die Standorte neu zu bestimmen, das Lebensgefühl der streitbaren Schwestern wieder auf den Punkt zu bringen.