Eine berühmte Allegorie Goyas trägt den zweideutigen Titel "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer." Wenn die Vernunft schläft, kommt die Stunde der Ungeheuer. So hätten es die universalistischen Philosophen, Kirchenväter und Aufklärer Europas gern gehabt. Seid wachsam, ihr Universalisten, dann werden die Gespenster keine Chance haben. Aber es gibt auch die andere Lesart des Goyaschen Genitivs. Danach wäre es die Vernunft, also der Universalismus selbst, der die Ungeheuer hervorbringt. Ohne das Licht der Aufklärung, so die düstere Botschaft, kein Schatten. "Die vollendet aufgeklärte Erde", liest man bei Horkheimer und Adorno, "strahlt im Zeichen triumphalen Unheils." Aber ob die Vernunft wirklich das Ungeheuer ist - daran zweifelt der englische Neomarxist Terry Eagleton in seinem Buch "Die Illusion der Postmoderne".

In der Tat, es gibt einen schlechten Universalismus. Der Universalismus der Wissenschaft zum Beispiel ist blind für die Katastrophen, die sich in der Umwelt ereignen. Ebenso einseitig ist der Universalismus des Marktes. Wer nichts hat, der hat nichts, und die Logik der freien Wirtschaft wird ihn nur immer tiefer sinken lassen. Schlecht ist auch der Universalismus des Rechts, der es - nach dem Bonmot von Anatole France - Reichen wie Armen gleichermaßen verbietet, unter den Brücken zu schlafen. Nicht besser scheint es um den Universalismus der Moral bestellt zu sein. Wer standhaft niemals lügt, kann größtes Unheil anrichten.

Schlecht war schon der Universalismus Platons. Der Logos, die Vernunft, ist universell, eine Größe der Natur, das Modell einer guten Gesellschaft. Aber einige haben einen hohen Anteil an der überall gleichen Vernunft und andere einen geringen. Die einen können sie erkennen, die anderen nicht. Deshalb, so der messerscharfe Schluß seines Schülers Aristoteles, ist Sklaverei gerecht.

Schattenseiten hat auch der Universalismus der Aufklärung, der die Mündigen ans Licht und die Unmündigen ins Dunkle stellt. Zwar war die Erziehung zur Mündigkeit für alle gedacht. Aber was war, wenn sie schiefging, wenn jemand nicht mündig werden wollte, es nicht konnte oder gar nicht erst zugelassen war, wie anfangs die Frauen? Von den übrigen Kolonien des weißen Mannes ganz zu schweigen.

In ihrer Kritik am schlechten Universalismus hat die Postmoderne, haben die Schüler Foucaults und Derridas, den Nagel auf den Kopf getroffen. Es gibt eine westliche Kritik am westlichen Universalismus, die sich militant für die Erniedrigten und Ausgestoßenen einsetzt und so die selbstherrliche Identität des Systems bis auf die Grundfesten erschüttert. Und dafür, so Terry Eagleton in seiner sonst distanzierten Polemik, "könnte man der Postmoderne fast all ihre ungeheuerlichen Exzesse vergeben".

Man sollte daraus jedoch keine voreiligen Schlüsse ziehen. Es gibt zwar "einen schlechten Universalismus, aber es gibt auch einen schlechten Partikularismus". Und während sich der Universalismus selbst helfen kann, gilt das vom Partikularismus keineswegs. Partikularismus ist die Parteinahme für das Besondere, für die Heimat, für die kleine Gemeinschaft. Für Partikularismus, sei es der des Körpers, des Geschlechts, der Nation, der ethnischen Gemeinschaft oder einfach der je besonderen "Kultur", gibt es keine Rettung, es sei denn, er verbündete sich mit dem Universalismus. Gut ist nur die unparteiische Parteinahme für das Besondere. Und genau das tun die militanten Postmodernisten und Dekonstruktivisten, aber sie wissen es nicht.

Das ist die Illusion der Postmoderne. Sie glaubt, dem Universalismus den Garaus zu machen, aber praktisch läuft ihr Tun darauf hinaus, einen falschen und beschränkten Universalismus im Namen eines besseren und weniger beschränkten zu denunzieren. Es ist nämlich, um es in den Worten des amerikanischen Sozialphilosophen John Rawls zu sagen, dieselbe Gleichheit, auf die Lincoln sich im amerikanischen Bürgerkrieg berufen hat, um den beschränkten Universalismus des weißen Mannes, der in Wahrheit bloß ein gut getarnter Partikularismus war, zurückzuweisen. Und es ist dieselbe Gleichheit der Verfassungsrevolutionen von 1776 und 1789, die Gleichheit und Männlichkeit fälschlich identifiziert hatten, auf die sich heute die Frauenbewegung beruft.