Wenn sich eine öffentliche Debatte reflexiv auf die sozialen Handlungspraktiken richtet, werden Kulturanthropologen vermutlich von einer "reifen" Gesellschaft sprechen. Die Erinnerungskultur, nicht nur in Deutschland, ist offenbar in diesem Stadium angelangt. Auslösend dafür ist der zunehmende zeitliche Abstand von den NS-Verbrechen, aber auch die internationalen Erfahrungen seit den achtziger Jahren in Südamerika, Südafrika und den osteuropäischen Reformstaaten. Der von Gary Smith (Einstein Forum Berlin) und Avishai Margalit (Jerusalem) herausgegebene Sammelband ist ein Indikator dieser Selbstbefragung. Er diskutiert das Verhältnis von strafbewehrter Gerechtigkeit und integrationsorientierter Versöhnungspolitik in demokratischen Gesellschaften. Aufschlußreich ist der Blickwechsel des Bandes vom deutschen Beispiel des Ge- und Mißlingens in der Vergangenheitspolitik zu den Erfahrungen der Wahrheitskommissionen in Südafrika und Argentinien, der Haager Jugoslawien- und Ruanda-Tribunale, der polnischen Debatte um die Öffnung der Geheimdienstakten und - nicht zuletzt - der Gegenprobe anhand der athenischen "Schlußstrich"-Praxis nach dem Peloponnesischen Krieg.

Der Fluchtpunkt, auf den hin die Beiträge dieses Bandes geordnet sind, ist die Reparaturarbeit an zerbrochenen Welten. Zur Diskussion stehen Fragen der Amnestie und damit die Probleme eines juristischen oder gesellschaftspolitisch motivierten "Schlußstrichs". Der Band setzt bewußt einen pragmatischen Akzent, der quer zu den geläufigen Diskursen steht. Doch die Beiträge machen deutlich, daß Strafmilderung oder Straferlaß nichts mit einem Verzicht auf die Verfolgung und Aufdeckung von Straftaten zu tun haben muß. Die juristische Aussetzung von Ahndung ist nicht mit dem Suspens gesellschaftlicher beziehungsweise moralischer Ächtung gleichzusetzen. Strafe muß - unter Umständen! - nicht sein, aber Vergessen darf nicht sein. Nicht allein im Interesse der Opfer ist die gesellschaftliche Anerkennung von Unrecht geboten auch im sozialen Zusammenleben von Nachfolgegesellschaften wird es weder Vergebung noch Versöhnung ohne Erinnerung geben können.

Damit schneidet der Band das prekäre Verhältnis von Erinnern und Vergessen an. Wieviel Erinnerung ist notwendig, welches Vergessen hilfreich - und für wen? Bis in die Gegenwart mochte und mag es immer wieder möglich sein, nach Kriegen und Bürgerkriegen Vergeben und Vergessen, Amnestie und Amnesie in versöhnenden wie heilenden Gesten zu verschränken. Doch schon der Staatsterrorismus, vor allem aber der Holocaust, hat diese moralische Ökonomie des Ausgleichs zerstört. In der furchtbaren Einseitigkeit der Massenmorde wurde das agonale Prinzip außer Kraft gesetzt, das mit der Gegenseitigkeit des Tötens und Getötetwerdens zugleich die Chance enthielt, später zu einem moralischen Akkord zu gelangen. Diese Chance hat der Holocaust genommen - und mit ihr auch die Möglichkeit des "guten Vergessens" (Gesine Schwan), des gerechten Strafens oder des versöhnenden Ausgleichs.

Gary Smith/ Avishai Margalit (Hrsg.): Amnestie oder Die Politik der Erinnerung in der Demokratie Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997 243 S., 19,80 DM