Abenddämmerung über der bleigrauen See. Die Rungholt stampft sich ihren Weg durch die Gischt. An Bord des Schiffes ein Dutzend Passagiere - Männer, Frauen, Kinder - und kistenweise Proviant für mehrere Wochen. Die Rungholt ist auf dem Weg zum Ende der Welt.

Das liegt fünf Kilometer vor der nordfriesischen Küste, ist nach einer Dreiviertelstunde erreicht und heißt Hallig Gröde. Drei Quadratkilometer Schlick, Torf und Gras, fünf reetgedeckte Häuser, 16 Einwohner, 27 Schafe, vier Hunde, eine Katze, ein Pferd - und rundum nichts als Himmel und Meer.

Als die Rungholt den kleinen Anleger erreicht, geht der "lange Tag" zu Ende.

So nennen die Gröder ihren Landgang ins Städtchen Niebüll. Vielleicht war heute die letzte Gelegenheit, noch einmal schnell zum Frisör zu gehen, den Arzt aufzusuchen, Spielzeug für die Kinder zu kaufen - und vor allem die Lebensmittel abzuholen, die man beim Kaufmann per Fax bestellt hatte. Den Rest des Abends brauchen die Halligbewohner, um alles zu verstauen, die Kisten mit Jever-Bier, H-Milch und Obstsäften in die Keller zu tragen, abgepacktes Fleisch und Gemüse in die riesigen Tiefkühltruhen zu pressen.

Wann es wieder Gelegenheit gibt, aufs Festland zu kommen, kann keiner sagen.

Denn im Winter bestimmen allein die Naturgewalten das Leben auf Gröde - heftige Stürme, die das Meer aufpeitschen, Nebel und Schneetreiben oder bizarre Eisschollen, die sich zu bis zu fünf Meter hohen Bergen auftürmen können. Manchmal ist die Hallig wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten.

Wenn dann jemand krank wird, kann nur ein Hubschrauber Hilfe bringen. Doch auch der muß auf dem Boden bleiben, wenn der Sturm zu Orkanstärke anschwillt.