"Nirgendwo können sie sich sicher wähnen", unschuldige Menschen nämlich, falls der Lauschangriff kommt, hieß es in der vorigen ZEIT auf Seite 9.

Wähnen heißt: fälschlich annehmen, sich einer Wahnvorstellung hingeben. Die Unschuldigen können also nirgends irrtümlich vermuten, sicher zu sein? Doch, gerade dies können sie überall. Der Autor hat wähnen als Synonym für glauben, fühlen genommen - im Einklang mit einer wachsenden Zahl von Zeitgenossen und, in der Tat, mit dem Althochdeutschen. Schon bei Luther aber heißt es: "Diese sind nicht trunken, wie ihr wähnt" (Apostelgeschichte 2,15), vollends bei Goethe und bei Schiller ("So nahe find' ich einen Freund und wähnte mich verlassen schon"). Wieviel Kraft ist damit in nur zwei Silben gespeichert!

"Die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit", und schon wissen wir, daß sie einem Wahn aufsaßen. Wollte nun der Autor hinter Luther zurückfallen - oder hat er, zeittypisch, den Wahn nicht herausgehört, sich selber nicht zugehört? Sollte man aber nicht ebendies jedem dringend raten, der für Hunderttausende schreibt?