Die Zigarette, so bemerkt Oscar Wilde, sei der vollendete Genuß: "Denn sie schmeckt und läßt einen unbefriedigt." Befriedigung bedeutet das Endes des Genusses, und im Genuß verschmachtet der Raucher vor Begierde. Daß sie vergleichsweise unschuldig sei, hat er allzeit gerne glauben wollen. Gibt es Rituale des Genießens, die so wenig Unheil anrichten? Sogar die Liebe, die unschuldigste aller Himmelsmächte, kann Kriege verursachen - die Zigarette aber kaum mehr als einen Zimmerbrand. So tröstet sich der Raucher. Doch im Zeitalter der totalen Haftung gibt es keine Unschuld mehr. Und der schuldig gesprochene Raucher findet die Schuld bei den Fabrikanten. Sie haben ihn, so erfährt er jetzt, an die Kandare der Sucht genommen. Philip Morris, das meldet AP, mischt seit 1965 seiner Marlboro Ammoniak bei. Der Stoff löst das Nikotin und führt es im Nu zu Lunge und Hirn. Statt Abenteuer und Freiheit bloß Ammoniak. Haben wir deshalb unsere erste Zigarette auf der Schultoilette geraucht? Unordnung und frühes Marlboro-Leid! "Sie können mir glauben", schrieb der große Dichter, heilige Trinker und Raucher Joseph Roth an seinen Freund Stefan Zweig, "daß niemandem der Alkohol so wenig schmeckt wie mir."

Der vollendete Genuß, so lernen wir hundert Jahre nach Oscar Wilde, besteht darin, daß etwas nicht schmeckt und einen unbefriedigt läßt. Womit haben wir das verdient?