Olymp und Parnaß sind die Bastionen von Zeus, Apoll & Co. Sich ihnen auf Skiern zu nähern hat einen ganz besonderen Reiz

Also doch. Zwei Autostunden hinter Athen fällt das Scheinwerferlicht endlich auf weiße Berge. Zur Spontan-Schneeballschlacht kommt es dann freilich nicht, denn die blitzenden Hänge bestehen den Echtheitstest nicht. Der Vollmond hat einen Streich gespielt und Kalkstein wie wonneweiche Wedelunterlagen ausschauen lassen.

Sollten all die Spötter unter den Kollegen recht behalten, als sie unkten: "Skifahren in Griechenland? Haha!" Hatte die Dame am Gepäckschalter Grund zum milden Lächeln, als da zwei Optimisten ihre Skiausrüstung nach Athen aufgaben?

Auch die handelsübliche Reiseliteratur machte, offen gestanden, nicht unbedingt Mut. Skiatlanten übergehen Hellas wortlos; Griechenlandführer und die handgestrickten Broschüren des Fremdenverkehrsamts erwähnen das skifahrerische Potential bestenfalls mit ein paar nichtssagenden Pflichtsätzen. Der Götterberg Olymp sei von November bis Mai ohnehin tunlichst zu meiden, zu unwegsam das Gelände, zu garstig das Wetter. Besonders eines wird deutlich: Allen Beteuerungen der Tourismusgewaltigen zum Trotz ist man noch weit davon entfernt, das Land ernsthaft als Wintersportdestination anzupreisen.

Womöglich, so scheint es den Ankömmlingen, völlig zu Recht.

Andernmorgens im Hotel in Delphi mag nämlich noch immer keine Pistenstimmung aufkommen. Das skiwillige Duo sitzt ziemlich verloren und unpassend in voller Schneemontur im Frühstücksraum herum, wo sich frühlingshaft gekleidete, michelinbewehrte und sonnenhutbedeckte Gruppen zur Ruinentour aufmachen. Also schnell ihnen nach zur Weihestätte für Gott Appoll, zum Delphischen Orakel. Doch wie befürchtet weiß es in Skifragen nun wirklich nichts zu berichten.

Zwei Stunden später sieht die Welt ganz anders aus. Eine Eiergondel aus französischen Restbeständen ruckelt über Hänge mit viel Geröll und hauchzarten Schneespuren zur Skiarena am Parnaß-Gebirge empor. Und dort oben lassen sich tatsächlich ein paar Dutzend Wintersportler von Schlepp- und Sesselliften bergauf befördern und rutschen mehr schlecht als recht auf ihren Brettern eisige Pisten herunter.

Später, in seinem holzverschalten Büro mit den Alpenpostern, behauptet Athanasios Stroubos kühn, Skifahren sei in Griechenland "eigentlich ausgesprochen populär". Immerhin zähle das von ihm geleitete Skizentrum, das größte im Land, pro Saison 300 000 Besucher. Tageskartenpreise für den neuen "Volkssport" von umgerechnet bis zu 40 Mark können freilich nicht gerade als volkstümlich bezeichnet werden. Es ist daher vor allem die Athener Bourgeoisie, die sich hier oben auf den Hängen tummelt und sich Aufstiegshilfen mit so göttlichen Namen wie Herkules, Hermes oder Bacchus anvertraut. Ausländer finden selten hier herauf. Dabei besäßen morgendliches Skilaufen mit Meerblick und mittäglicher Fisch in der Strandtaverne mit anschließendem Bummeln unter Bäumen voller Orangen durchaus ihren Reiz.

Olymp und Parnaß sind die Bastionen von Zeus, Apoll & Co. Sich ihnen auf Skiern zu nähern hat einen ganz besonderen Reiz

Skifahren auf griechische Art ist ohnehin mit dem alpinen Pendant schwerlich zu vergleichen, obwohl es für rote Ohren und blaue Nasen allemal reicht. Zwar erscheint das Können der fünf Athleten des hellenischen Nationalteams, das gerade für Nagano trainiert, an dieser Stätte meisterlich; bei den Olympischen Spielen dürften sie freilich nicht mehr ganz so deutlich herausragen.

Ansonsten gibt es weit mehr Zuschauer als Aktive. Über die Hälfte der Bergbesucher denkt nicht im Traum daran, sich auf schmale Latten zu stellen. Statt dessen führt man edlen Pelz und feinsten Stoff, Krawatte inklusive, spazieren. Das Spektakel, das sich den Schaulustigen bietet, ist in der Tat höchst amüsant. Vereinzelten Hochgebirgserprobten mit "Gstaad- und Zermatterfahrung", wie einer stolz betont, stehen zuhauf Ski-Eleven gegenüber, die mangelnde Fertigkeit mit Forschheit kompensieren. Demzufolge ist nach mancher Schußfahrt ein Sammelsurium von Mützen, Handschuhen, Skiern und Stöcken zu entwirren.

Es klacken die Kameras, surren die Camcorder, piepsen die Mobiltelephone. "Wir ziehen jetzt die erste Skigeneration heran. Der Weg ist noch weit", meint Pistenwart Iannis, der im Sommer Touristen im Taxi herumkutschiert. Und Skilehrer Kristos, die Rothmans im Mundwinkel, die Nase rot gebrannt, verdingt sich außerhalb der Saison als Schafhirte. Beide stecken in knallgelben Skianzügen, knallgelben Schuhen und stehen auf knallgelben Skiern. Damit ist auch die Frage nach der heurigen Modefarbe im griechischen Pistenzirkus hinreichend beantwortet.

EU-Steuerzahler finanzieren den Skispaß der Athener

Das Parnaß-Skizentrum zählt mehr als ein Dutzend Bahnen und Lifte, aber nur selten sind alle in Betrieb. Der Schnee, der hier fällt, ist zwar pudrig fein, doch nur selten reichlich vorhanden. "Wir brauchen Schnee", fleht Stationschef Athanasios den blauen Himmel an. Um gleich darauf von den Hängen des mit 2457 Metern höchsten Gipfels des Massivs zu schwärmen, den er mit Bahnen und Pisten erschließen will - kräftig subventioniert aus Brüsseler EU-Kassen. Letzteres erzählt er keineswegs verschämt, sondern voller Stolz. Die Frage, ob hier deutsche, englische oder französische Steuergelder der griechischen Hauptstadtschickeria ihr jüngstes Steckenpferd finanzieren, bereitet ihm zweifellos keine schlaflosen Nächte. Hingegen bedauert er, daß der akute Wassermangel den Einsatz jeglicher Kunstschnee-Artillerie unmöglich macht.

Droben auf den Hängen wanken indes die abgekämpften Skiheroen Richtung Bergrestaurant, das in punkto Charme von mancher Autobahnraststätte locker übertroffen wird. Im betonstarrenden "Eßkomplex" wird offenkundig, daß Griechenlands skifahrerische Erschließung ein Staatsprojekt ist. Über eine Privatisierung der Anlagen wird zwar heiß diskutiert - allerdings bereits seit vielen Jahren.

Nachmittags läßt der ohnehin spärliche Andrang auf den Pisten abermals deutlich nach. Die Skifahrer- und Skizuschauergemeinde braust hinunter nach Aráchova, wo man sich ausgiebig Speis und Trank oder umgehend der Siesta anheimgibt.

Olymp und Parnaß sind die Bastionen von Zeus, Apoll & Co. Sich ihnen auf Skiern zu nähern hat einen ganz besonderen Reiz

Aráchova, das griechische Chamonix, knapp tausend Meter hoch gelegen, ist ein schmuckes Städtchen mit Häusern aus grauem Naturstein. Augenscheinlich - und selten genug in diesem Land - werden Bauvorschriften hier noch eingehalten. Früher lebten die Menschen, wie Bürgermeister Jorgos Kremos erzählt, vom Verkauf handgeknüpfter und selbstgefärbter Teppiche, von Ziegenkäsezylindern, von Stick- und Strickwaren. Allein, diese Produkte waren allmählich immer weniger gefragt. Der stolze Ort, der schon bei Homer erwähnt wird und in dessen Umgebung die Griechen 1780 die türkischen Muselmanen niederrangen, erlebte seinen Niedergang und den Auszug der Jugend.

Bis plötzlich Apolls Berg der Musen und der Dichter eine neue Berufung fand, als wache Geister erkannten, daß Schneefälle nicht bloß ein Ärgernis sein müssen. So begann vor knapp zwei Jahrzehnten ganz frivol die Erschließung der göttlichen Höhen. Seither gilt Aráchova als wohlhabend und dient über Weihnachten und an Winterwochenenden dem Stelldichein der Athener Geldaristokratie.

Die hat sich inzwischen von den mehr oder minder kontrollierten Schußfahrten erholt. Doch vor zehn Uhr abends strömen nur ortsunkundige Besucher in die zahllosen Tavernen und noch zahlreicheren Bars des Bergdorfes. Die Alten hingegen im rauchgeschwängerten Kaffeehaus am Hauptplatz verfolgen leicht verwundert das muntere Treiben. Sie dürften sich kaum jemals in die In-Disco "Snow Me" verirren, wo der Tanz nie vor Mitternacht beginnt. Oder in eine der Designerkneipen mit den vermutlich landeshöchsten Whiskypreisen. Griechischer Wein wird dort weder besungen noch getrunken. Angesagt ist, was der Yankee tut, so lautet das unausgesprochene Motto im Aprés-Ski-Betrieb. Dafür wird in dieser Hauptsportart durchgestartet bis spät in der Früh, wenn wiederum der Berg ruft.

Griechenlands König der Berge liegt an klaren Tagen nur scheinbar gleich um die Ecke vom Parnaß: Der Olymp ist 220 Kilometer entfernt. Trotz aller Warnungen vor seiner winterlichen Unbezwingbarkeit: Ein Skiausflug wahrer Olympioniken nach Hellas, ohne Zeus, Athene & Co. auf dem Götterberg die Ehre erwiesen zu haben, ist nicht auszudenken. Auf dem Hauptgipfel, dem Mytikas, und den umliegenden Bergspitzen frönen sie, so besagen es die Mythen, in ewiger Jugend dem süßen Nichtstun, sich labend an Nektar und Ambrosia, dem Trank und der Speise, die ihnen die Unsterblichkeit erhalten.

Was liegt also näher, als sich aufzumachen, mit den göttlichen Gestalten in lichten Höhen eine deftige Aprés-Ski-Sause abzuhalten? Eine schwere Probe für das deutsch-schweizerische Gipfelteam, wie sich herausstellen sollte.

Von Soldaten begleitet im Schneesturm zum Olymp

Nicht mal zwanzig Kilometer entfernt von den blauen Fluten der Ägais und unweit des Ortes Litóchoron, schwingt sich das gewaltige Massiv zu Gipfelhöhen von beinahe 3000 Metern empor. Litóchoron ist das Portal zum Olymp. Aber leider nur im Sommer, so die leidvolle Erkenntnis. Dann schnüren hier Zehntausende Bergsteiger aus 75 Nationen ihre Wanderstiefel. Zum Skifahren hingegen wagte noch niemand aufzutauchen. Im Naturreservat auf der Ostseite des Olymp-Massivs gibt es zwar Wölfe, Königsadler und Schakale, aber keinen Lift, und fast alle Berghütten sind im Winter geschlossen. Mitte Januar weht durch den von allen Touristen verlassenen Ort das frühlingslaue Lüftchen der Tiefstsaison.

Olymp und Parnaß sind die Bastionen von Zeus, Apoll & Co. Sich ihnen auf Skiern zu nähern hat einen ganz besonderen Reiz

Kostas Zolotas führt mit seiner Hamburger Ehefrau Irmhild die Alpenvereinshütte "Spilios Agapitos". Leider liegt diese oben auf 2100 Metern unter einer meterdicken Schneedecke begraben. "Warum kommt ihr nicht einfach im Sommer wieder und macht euch ein schönes Wochenende?" fragt Irmhild, schenkt den Gästen daheim am Bergesrand Anisschnaps nach und reicht hausgemachten Spinatstrudel. Endstation Lithóchoron?

Rettung verheißt ein Besuch bei Yorgios Panathanassiou, dem Bürgermeister des 7000-Seelen-Orts. Sicher könne man am Olymp Ski fahren, läßt er neue Hoffnung aufkeimen: Auf der anderen Seite des Massivs, hoch oben im Ausbildungslager der griechischen Gebirgsjäger, gebe es zwei Lifte. Doch die Militärs sind strenge Hüter des Berges. Die notwendige Ausnahmegenehmigung fürs Sperrgebiet muß Wochen im voraus bei der Athener Generalität beantragt werden. Jetzt sei Samstag abend, aber Montag früh werde man weitersehen.

Solange erhalten die Fremden einen Schnellkurs in filoxenia und erleben, wie die Griechen den Begriff Gastfreundschaft auszufüllen verstehen. Des Bürgermeisters Einladung zum spätnächtlichen Besuch einer Bar samt Einführung in die lokale Männertanzkunst mußte aufgrund mangelnden Durchstehvermögens noch freundlich ausgeschlagen werden.

Am Sonntag mittag, von seinen Gastgebern auf die einzige per Auto erreichbare Hütte hinaufkutschiert, ist man dem Olymp immerhin ein Stück näher gerückt: An einer mit griechischen Spezialitäten und Literkrügen frischen Landweins üppig eingedeckten Tafel diskutieren die Fremden in ständig wachsender Runde neuer Bekannter über Gott und die Welt. Bei der Frage, ob die Zolotas-Hütte etwa mit einem Touristenlift verkabelt werden sollte, neigen die Griechen eher der Position des Bürgermeisters zu: Der liebt die Natur der Berge, solange er diese wie heuer bequem mit dem Dienstmercedes hochkurven kann.

Noch tiefere Einblicke in griechische Lebensart vermittelt sich dem Skiteam spätnachmittags im Wohnzimmer des Ortspatrons: Gattin Dina serviert zuckersüße Sahneschnitten und eingelegte kandierte Früchte zum Kaffee, und Yorgios entpuppt sich am CD-Player als intimer Kenner von Flower-power-Weisen aus der Hippie-Zeit.

Doch die Griechen verstehen es nicht nur, Fremde trefflich zu bewirten. Daß sie, wenn es darauf ankommt, auch wahre Meister der improvisierten Organisationskunst sind, sollte unser neuer Freund am nächsten Morgen eindrucksvoll demonstrieren: Drei Stunden glühen die Telephondrähte zwischen Lithóchoron und dem Verteidigungsministerium. Hernach hält Yorgios triumphierend ein von höchster Stelle signiertes Fax in die Höhe.

Zwei Stunden, ungezählte Serpentinen und 2000 Höhenmeter später durchstößt der Mietwagen die Wolkendecke, und die letzten Sonnenstrahlen des Spätnachmittags beleuchten makellos weiße Tiefschneehänge und zwei Dutzend Wellblechbaracken. "Haben Sie gedient?" fragt kurz darauf Lagerkommandant Panetsos in seinem Büro, lässig in den Sessel nach hinten gelehnt, die Daumen hinter den Gürtel geschoben. "Morgen früh können Sie dann Ski fahren." Aber: "Damit wir uns recht verstehen: Keine Photos vom Armeegelände."

Olymp und Parnaß sind die Bastionen von Zeus, Apoll & Co. Sich ihnen auf Skiern zu nähern hat einen ganz besonderen Reiz

Umgehend klärt sich die Bedeutung der Eingangsfrage des gestrengen Majors: Das Sammellager der im Winter verlassenen Hütte für Bergwanderer erfordert tatsächlich echten Pioniergeist. Es ist saukalt, es gibt kein Licht, keinen Strom, kein Wasser und keine Bettwäsche. Aber so kurz vor dem Ziel aufgeben? Je härter die Probe der Götter, um so fester der menschliche Wille. Eine denkwürdige Nacht im Skianzug mit Pudelmütze unter einer dicken Schicht muffiger Militärwolldecken wird durchgestanden.

Ein Härtetest, der prompt belohnt wird: Erstmals, seit wir griechischen Boden betraten, hat es geschneit. Aber muß Zeus deshalb gleich Batterien von Schneeblitzen vom Himmel schleudern? Dunkle Wolken dräuen um die tags zuvor noch in mildes Licht getauchten Gipfel. Doch nun es gibt kein Zurück.

Vor der Hütte warten frühmorgens bereits, dick in olivgrünem Drillich vermummt, Christos und Eftemios, die mit Leihskiern und -stöcken für die Gipfelstürmer bewaffnete Eskorte. "Verrückt, bei diesem Wetter Ski zu fahren!" finden sie. Gegen den eisigen Schneesturm geht es, die Bretter geschultert, steil bergauf. Der Schweiß fließt, es rast der Puls. Selbst die Tatsache, daß die Lifte stillstehen, kann uns jetzt nicht mehr erschüttern.

Bald fällt mangels Handschuhen mit steifgefrorenen Fingern der erste Begleiter aus. Der Erschöpfung nah, geht's weiter, Schritt für Schritt durch die Nebelküche. Längst ist die Sicht gleich Null, der Sturm peitscht den Schnee waagerecht über die Piste. Da endlich reift der Entschluß, den Zorn der Götter nicht noch länger herauszufordern und die Gipfeltour abzubrechen. Wir schnallen die Bretter unter und gleiten - immerhin ein Teilerfolg - in vorsichtigen Schwüngen durch das Schneegestöber talwärts.

Dennoch: Zeus hat gesiegt.

Weitere Informationen über "Skifahren in Griechenland" erhalten Sie auf der Homepage der ZEIT: www.zeit.de/links/