Was bedeutet Ihnen Brecht heute? Eine Umfrage unter prominenten Frauen zum 100. Geburtstag des Dichters, Teil II

Ria Endres, Autorin:

Ich fürchte, mein Bild von Brecht hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. Meine Mutter wohnte unweit von seinem Geburtshaus Auf dem Rain Nummer 7. Wenn ich sie in den Internatsferien besuchte, ging ich oft am unscheinbaren, etwas verwahrlosten Brechthaus vorbei, das lange Zeit keineswegs eine Ehrentafel zierte. Brecht war der Held meiner Pubertät, weil er den Weg aus diesen Gassen herausgefunden hatte, und ich frage mich, ob das nicht noch heute mein entscheidender Bezug zu Brecht ist, nicht sein Werk. Es sind Bilder von blauen Pflaumenbäumen und die unterschiedlich gurgelnden, stehenden und fließenden Wasser der Lechkanäle in dieser grausig schönen Provinzstadt. Die Augsburger Menschen sind schlaue, unerbittliche Holzköpfe, die sich keine Sekunde lang von dichterischem Unsinn hinters Licht führen lassen. In meiner pubertären Vorstellung war Brecht ein romantischer Dichter, der wie ich zwischen Kastanienbäumen am Stadtgraben entlang unterwegs gewesen war, der natürlich seine Heimatstadt haßte und die ihn dafür ebenfalls haßte oder umgekehrt. In der Klosterschule wurde uns bei Besitz und Lektüre der Bücher des "roten Teufels" mit der Demission gedroht, eine Ehre, die er mit Henry Miller teilte. Außer Brechts Gedichten und seinem Stück "Baal" mit dem hemmungslosen Faßbinder in der Titelrolle haben mich andere seiner Arbeiten kaum mehr berührt. Vielleicht liegt Brechts Verführungskunst tatsächlich seiner eigenen lebenslang gehätschelten Pubertät zugrunde, der er noch mehr verfallen war als seinem Theater. Ein Glas Champagner zum hundertjährigen auf Eugen Berthold Friedrich Brecht!

Doris Schade, Schauspielerin:

Es ist jetzt dreißig Jahre her, daß ich in einem Stück von Bertolt Brecht spielte, an den Münchner Kammerspielen: "Das Leben Eduard II. von England" (nach Marlow). Hans Hollmann hatte die Regie, dramaturgisch betreut von Heinar Kipphardt. Marcel Reich-Ranicki berichtete damals über unser Gastspiel bei den Berliner Festwochen.

Ich erinnere mich, daß ich damals, nach intensiver Beschäftigung mit Bert Brechts Maximen und Theorien übers Theater, zu dem Resümee kam: Er will einfach, daß klug ein gutes Theater gespielt wird. Doch scheint mir gefährlich, dies so genau zu beschreiben. Was das Wort "Verfremdung" an Mißverständnissen hervorgerufen hat, ist ja bekannt. Trotzdem war es wohl damals in den fünfziger und sechziger Jahren wichtig und notwendig, neue Diskussionen über Theaterspielen anzuregen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe ich nur selten ein Brecht-Stück auf der Bühne erlebt, meist sah ich die Aufzeichnung einer Aufführung im Fernsehen. Ich kann deshalb im Augenblick nicht sagen, was mir heute seine Theaterstücke bedeuten würden. Aber ganz und gar sicher bin ich mir meiner Bewunderung seiner Lyrik - seiner Balladen, seiner Gedichte!

Es interessiert mich, ob die junge Generation der Regisseure nicht doch wieder "fündig" werden könnte, ein Stück von B. B. neu für die Bühne zu erobern, neben seinem kritischen Verstand auch seinem Humor und Witz vertrauend, seiner Phantasie - und seinem Sinn für wirksames Theater.

Was bedeutet Ihnen Brecht heute? Eine Umfrage unter prominenten Frauen zum 100. Geburtstag des Dichters, Teil II

Thirza Bruncken, Regisseurin:

Brecht - TÜV - Vertrag - Guerilla - Arier - Regression - Naturkatastrophe Ethik - Kursus - Sandstrand - Deutsch - Herz - Zoom - Marx - Xi - IC - Cabrio - OdF - FDJ - Jury - Ysop - Pankow - Wohnungsbau - Unfall - Label.

Susanne Lothar, Schauspielerin:

In Zeiten mit fast fünf Millionen Arbeitslosen - wo ein Arbeitnehmer sich keine Arbeit nehmen kann, weil keine mehr da ist, jedenfalls nicht da, wo er so fortschrittsfeindlich unglobal seine kleine Heimat definiert, und bei einer Politikerklasse, die von den Arbeitgebern auf den Strich geschickt wird, um zu verhindern, daß das Recht auf Arbeit Ziel und also Verfassungswürdigkeit eines Gemeinwesens sein sollte (damit man dieses Desaster möglichst nicht nachvollziehen kann, haben die Politiker gerade beschlossen, beim großen Lauschangriff selbst unbelauscht zu bleiben) - ist der hundertjährige Bert Brecht plötzlich wieder ganz jung.

Das ist schön für ihn. Das ist schade für uns.

Hannelore Schlaffer, Germanistin:

Brecht wurde - zumal in der kulturellen Öffentlichkeit, auf dem Theater und in den Schulen - immer nur als Ideologe wahrgenommen, zuerst ablehnend, dann zustimmend, nun wieder ablehnend. Er galt als der Statthalter des kommunistischen Ostens im intellektuellen Westen. Erst jetzt, nachdem der reale Kommunismus hinfällig und der intellektuelle Traum von ihm fragwürdig geworden ist, hat Brecht die Chance, als Dichter erkannt zu werden. Nun muß sein Werk nicht mehr in lauten Parolen ertönen; man darf der Tonalität seiner Sätze nachhorchen; nun braucht sich keiner mehr für oder gegen die Ja- oder Neinsager zu entscheiden; man darf vielmehr in Brecht den Erfinder bewundern, dem es gelang, in Galilei oder der Mutter Courage Helden ohne Heldentum, Größe ohne Großtun zu schaffen. Bislang schien es so, als sei Brecht ein Ordnungsfanatiker, der die Welt zwanghaft in Rechts und Links einteilen mußte. Nun zeigt sich, daß er in Gut und Böse schied, um verträumt dem Märchen der Vernunft nachzuhängen. Nie hätten seine Utopien so fasziniert, wären sie nicht von der Trauer über ihre Unmachbarkeit umgeben gewesen. Brecht hat die Rolle des Weisheitslehrers nie verleugnet. Ein Weiser aber verkündet keine zukunftsweisenden Ideologien. Vielmehr braucht er die utopischen Entwürfe nur, um an ein verlorenes Glück zu erinnern. Brecht bezieht seine Gattungen: Kalendergeschichte, exemplum, Lehrstück, Leid, mit Vorliebe aus Folklore und mündlicher Tradition. Sein Thema mag das Proletariat gewesen sein, sein Sujet war das Volk. An der fernöstlichen Welt haben ihn gerade die antimodernen Traditionen und Haltungen angezogen: Kontemplation, Resignation, Stille. Nachdem die politischen Parolen verstummt sind, könnte sich zeigen, daß Brechts Tendenzdichtung Poesie hat, daß er, ein Romantiker zwischen Vergangenheit und Zukunft, näher den Brüdern Grimm und dem Goethe des "West-östlichen Divan" steht als Marx.

Was bedeutet Ihnen Brecht heute? Eine Umfrage unter prominenten Frauen zum 100. Geburtstag des Dichters, Teil II

Linda Reisch, Kulturdezernentin:

1. Die postmoderne Reduktion der Diskussion um Bert Brecht auf sein Frauenbild interessiert mich nicht. Dieses war vielleicht das Problem seiner Frauen und von Bert Brecht; die Fragestellung selbst ist ein Symptom für unsere Zeit, nicht mehr die Poesie, sondern die Moralfrage in den Mittelpunkt der Betrachtung großer Literatur zu stellen. Brechts Stellungnahme zu diesem Komplex findet sich als zehntes Sonett:

"Am liebsten aber nenne ich dich Muck

Weil du mir, wenn du aufmuckst, so gefällst

Wenn du den Klassiker zur Rede stellst

Sei's, daß du Seiten ordnest für den Druck

Sei's, daß er dich schnell anlangt an den Beinen.

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Sogleich bestreitest du, daß du mich kennst

Und was wir tun, mit meinem Worte nennst

Wie kann ich Tölpel sowas von dir meinen?

Zornig und fremd sitzt du mir gegenüber,

was wagt der Mensch, er ist mir unbekannt!'

Und mein Erstaunen ist noch nicht vorüber

Wenn in dir sichtlich eine Freude wächst

Was bedeutet Ihnen Brecht heute? Eine Umfrage unter prominenten Frauen zum 100. Geburtstag des Dichters, Teil II

Und streng noch schreibst du hin den neuen Text

und plötzlich holst du dir dann meine Hand."

2. Literatur widerspricht nebligen Vereinfachungen. So benennt Brecht den Verlust des arbeitslosen Einzelschicksals in der Statistik. Unter solchem Aspekt Bert Brecht neu zu lesen wird gerade in Moskau ausprobiert: Der jetzige große Erfolg der "Dreigroschenoper" dort sagt manches über die gesellschaftliche Seelenlage. Vielleicht wird die Lektüre hier bald auch wieder interessanter, weil mit pur kapitalistischen Verhältnissen gedroht wird; und weil Zynismus, wie bei Brecht zu finden, zur einzigen Möglichkeit realistischen Wahrnehmens wird. Ein Eisler-Abend mit dem Ensemble Modern in Frankfurt am Main am Neujahrsabend gab einen guten Geschmack davon, wie befreiend es ist, wenn Mißstände beim Namen genannt werden - bei allem Lächeln darüber, vielleicht auch über die eigene kindliche Freude.

3. Aus Frankfurter Sicht ist besonders erfreulich (und dialektisch interessant), daß Brecht mit Hesse gemeinsam das ökonomische Fundament des Suhrkamp Verlages bildet, auf dem das vielfältige intellektuelle und literarische Programm dieses Verlages erst ermöglicht wird.

Gisela Stein, Schauspielerin:

Brecht ... die Frage nach der Bedeutsamkeit, Aktualität, lebendig oder nicht, verstaubt, überholt, interessant oder nicht?!?! Konkret könnte ich nur darauf antworten, stünde ich in einer Auseinandersetzung, in einem Prozeß, mit einem seiner Stücke.

Er Ist ein großer Dichter, zweifelsohne.

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Aus: "Im Dickicht der Städte" die drei letzten Sätze:

"Allein sein ist eine gute Sache.

Das Chaos ist aufgebraucht.

Es war die beste Zeit."

Brigitte Kronauer, Schriftstellerin:

Was mich am Welt- und Gesellschaftsschulmeister Brecht stets neu verdutzt und erbost: Wie dieser gewaltige Pathetiker des Lakonischen alles, selbst die sogenannten poetischen Augenblicke - von denen er ja viel versteht -, in das Licht, vielmehr den fahlen, schalen, faden Schein einer besserwisserischen Lehrstunde taucht. Kunst als Illustration. Als Schminke einer wesentlicheren Botschaft. Noch immer an uns, die von der Werbung mit Arien Mozarts und Verdis zum Kauf von Autos, Tiefkühlpizza und so weiter verführt werden sollen?