Thirza Bruncken, Regisseurin:

Brecht - TÜV - Vertrag - Guerilla - Arier - Regression - Naturkatastrophe Ethik - Kursus - Sandstrand - Deutsch - Herz - Zoom - Marx - Xi - IC - Cabrio - OdF - FDJ - Jury - Ysop - Pankow - Wohnungsbau - Unfall - Label.

Susanne Lothar, Schauspielerin:

In Zeiten mit fast fünf Millionen Arbeitslosen - wo ein Arbeitnehmer sich keine Arbeit nehmen kann, weil keine mehr da ist, jedenfalls nicht da, wo er so fortschrittsfeindlich unglobal seine kleine Heimat definiert, und bei einer Politikerklasse, die von den Arbeitgebern auf den Strich geschickt wird, um zu verhindern, daß das Recht auf Arbeit Ziel und also Verfassungswürdigkeit eines Gemeinwesens sein sollte (damit man dieses Desaster möglichst nicht nachvollziehen kann, haben die Politiker gerade beschlossen, beim großen Lauschangriff selbst unbelauscht zu bleiben) - ist der hundertjährige Bert Brecht plötzlich wieder ganz jung.

Das ist schön für ihn. Das ist schade für uns.

Hannelore Schlaffer, Germanistin:

Brecht wurde - zumal in der kulturellen Öffentlichkeit, auf dem Theater und in den Schulen - immer nur als Ideologe wahrgenommen, zuerst ablehnend, dann zustimmend, nun wieder ablehnend. Er galt als der Statthalter des kommunistischen Ostens im intellektuellen Westen. Erst jetzt, nachdem der reale Kommunismus hinfällig und der intellektuelle Traum von ihm fragwürdig geworden ist, hat Brecht die Chance, als Dichter erkannt zu werden. Nun muß sein Werk nicht mehr in lauten Parolen ertönen; man darf der Tonalität seiner Sätze nachhorchen; nun braucht sich keiner mehr für oder gegen die Ja- oder Neinsager zu entscheiden; man darf vielmehr in Brecht den Erfinder bewundern, dem es gelang, in Galilei oder der Mutter Courage Helden ohne Heldentum, Größe ohne Großtun zu schaffen. Bislang schien es so, als sei Brecht ein Ordnungsfanatiker, der die Welt zwanghaft in Rechts und Links einteilen mußte. Nun zeigt sich, daß er in Gut und Böse schied, um verträumt dem Märchen der Vernunft nachzuhängen. Nie hätten seine Utopien so fasziniert, wären sie nicht von der Trauer über ihre Unmachbarkeit umgeben gewesen. Brecht hat die Rolle des Weisheitslehrers nie verleugnet. Ein Weiser aber verkündet keine zukunftsweisenden Ideologien. Vielmehr braucht er die utopischen Entwürfe nur, um an ein verlorenes Glück zu erinnern. Brecht bezieht seine Gattungen: Kalendergeschichte, exemplum, Lehrstück, Leid, mit Vorliebe aus Folklore und mündlicher Tradition. Sein Thema mag das Proletariat gewesen sein, sein Sujet war das Volk. An der fernöstlichen Welt haben ihn gerade die antimodernen Traditionen und Haltungen angezogen: Kontemplation, Resignation, Stille. Nachdem die politischen Parolen verstummt sind, könnte sich zeigen, daß Brechts Tendenzdichtung Poesie hat, daß er, ein Romantiker zwischen Vergangenheit und Zukunft, näher den Brüdern Grimm und dem Goethe des "West-östlichen Divan" steht als Marx.