Die Online-Welt lebt von feinen Unterscheidungen, die allein technisch begründet sind. Die Grenze zwischen dem privaten Bereich und der Öffentlichkeit ist solch ein Fall. Es hat sich die Meinung gefestigt, daß die direkt eintrudelnde elektronische Post etwas Privates ist, die auf einer Web-Site gespeicherte Meinung hingegen öffentlich. Derzeit wird vor einem amerikanischen Gericht der Fall eines kalifornischen Studenten verhandelt, der asiatischen Kommilitonen mit Mord gedroht hatte. Den Mann erwartet eine Haftstrafe, weil das Gericht die E-Mail einem normalen Brief gleichstellte. Hätte er sein Statement auf einer Homepage gespeichert, so wäre dies unter die in Amerika fast grenzenlose Meinungsfreiheit gefallen, versichert die Electronic Frontier Foundation. Noch anders wäre es ausgegangen, wäre die Drohung auf einer Web-Page erschienen, die nur innerhalb der Universität erreicht werden kann. Dann hätte die Universität von Irvine einschreiten müssen.

Auch an deutschen Gerichten werden solche Probleme verhandelt. So wollte der Betriebsrat der Paderborner Filiale von Siemens Nixdorf Mitarbeiter-Informationen auf seiner Homepage veröffentlichen. Das war der Geschäftsleitung des Computerkonzerns nicht recht: Erlaubt sei ein solches "Posting" nur, wenn die Chefs die Inhalte vorab zur Kenntnis nehmen könnten. Der Betriebsrat fühlte sich zensiert und zog vors Arbeitsgericht, das letzte Woche ein Urteil fällte. Danach wird der Grad von Öffentlichkeit nach der Reichweite gestaffelt: Im internen Firmennetz (Intranet) von Siemens Nixdorf darf der Betriebsrat seine Betriebsinformationen ohne Kenntnisnahme der Geschäftsleitung veröffentlichen, extern aber nicht.

Die Frage, was im Internet öffentlich, firmenöffentlich oder privat genannt werden kann, wird mit Sicherheit nicht nur die Gerichte beschäftigen. Denn der nächste Schritt ist absehbar und von der amerikanischen Securities and Exchange Commission (SEC) gemacht worden. Die überwacht das Börsengeschäft, insbesondere die Informationen, die eine Firma über ihre finanzielle Situation und ihre Zukunftsabsichten veröffentlicht. Die Offenlegung dieser Informationen soll Insider-Geschäfte verhindern. In der letzten Woche entschied die SEC, daß Broker ihre Klienten ab sofort via E-Mail kontaktieren dürfen, ohne daß (wie früher geschehen) der Vorwurf der Insider-Information ausgesprochen wird. Im Gegenzug müssen sich freilich die Investmentfirmen verpflichten, dafür zu sorgen, daß sie Zugriff auf alle Computer eines Brokers haben - private Rechner und Firmen-Laptops eingeschlossen.

Diese Entscheidung hat nicht nur Auswirkungen auf Investoren, die sich für amerikanische Werte interessieren. Schließlich sind die SEC-Bestimmungen Vorbild für die neuen europäischen High-Tech-Börsen. Selbst Firmen wie die große SAP könnten von ihnen betroffen sein - dort sollen die Ermittlungen in Sachen Insider-Geschäfte im Sande verlaufen sein, weil die Ermittler keinen Zugriff auf die E-Mail der Beschuldigten hatten.