Grausam kann sie sein, die Welt der Medien. Und ist das Fernsehen nicht das grausamste von allen? Gerade fünf Monate ist es her, da badete Sabine Christiansen in Applaus und Blumen. Welche Zeitung auch immer sie aufschlug: Zum Abschied nichts als Komplimente für die Moderatorin der "Tagesthemen", die News so kühl und kompetent präsentierte. Und Respekt vor einer Frau, die mitten im Erfolg aussteigt, um etwas ganz Neues auszuprobieren.

"Sabine Christiansen. Talkmagazin". Das also ist es, das neue Programm. Paukenschlag - und bingo! So sollte das laufen. Aber Erfolg ist auch für ARD-Programmchefs nicht planbar. Im Gegenteil: "Kaltes Kaffeekränzchen" höhnte der stern. "Der Weg vom treffsicheren Kurzinterview zur Gastgeberrolle in einer bunten Sendung ist lang", erkannte die Woche. Die Bunte fragte: "Wer hat Ihnen eigentlich diese Hose ausgesucht?" So schnell kann Ruhm Rost ansetzen. Ein Interview? "Im Augenblick möchte sie sich nicht äußern", teilt ihr Pressesprecher mit.

Was ist los mit der routinierten Fernseh-Ankerfrau, die so unvergleichlich sachkundig den Kopf ins linke Halbprofil drehen kann, bis auch der letzte merkt: Die weiß, wovon sie redet? Der Name sollte Programm genug sein. Ging es nicht um einen der prestigeträchtigen Sendeplätze? Nach dem Krimi stürzt am Sonntagabend im Ersten regelmäßig die Quote ab. Das Gegenmittel? Dies und das ist schon ausprobiert worden, um "Spiegel-TV" und Erich Böhmes "Talk im Turm" ein paar Marktanteile abzujagen. Diesmal wurde keine Mühe gescheut: Kulturmagazine ab ins Nachtprogramm, und dann für zwei Millionen Mark diese ehemals futuristisch anmutende blaue Kino-Kugel mitten in Berlin zum Weltniveau signalisierenden Studio umgebaut.

Gleich daneben sitzt die private Produktionsgesellschaft Medienkontor, die im Auftrag der ARD das Programm realisiert. Im Flur riecht es noch nach Farbe. Zwölf Redakteure und Redakteurinnen arbeiten hier in zwei Teams, ferner drei Hunde, die immer wieder nach Auslauf japsen. Und Jörg Hafkemeyer, ein gelassener Pfeifenraucher in Lederjacke. "Ich will das hier zu einer Adresse machen", sagt er und beugt sich vor. Attacke! Er ist der Redaktionsleiter, dem nun auch noch die Rolle zufällt, der Kollegin den Rükken freizuhalten. Er glaubt an Sabine. O ja! "Die kann das! Ich weiß es."

Und Defensive: "Wir dürfen das nicht so nah an uns heranlassen." Man müsse ja nur einmal nachlesen, wie die Kritik anfangs über Erich Böhme hergefallen sei. Der habe eine Fistelstimme, hieß es. Und überhaupt, wie er sich da im Sessel herumfläze, niemanden ausreden lasse ... Das mag stimmen. Doch die künstliche Aufgeregtheit im Kampf um die Quote kann der Verweis auf andere kaum dämpfen.

Andererseits behauptet auch Hafkemeyer nicht, in Berlin werde das Fernsehen neu erfunden. Was hier versucht wird, ist eine Art Mischform zwischen Unterhaltung und Aktualität, zwischen Thema der Woche und Gästerunde, zwischen Pro & Contra, Einspielbeiträgen, Live-Schaltungen und einer Stimme aus dem Publikum. Aktuell, unterhaltend und seriös soll es sein. Ein Balanceakt. Über alles mal ein bißchen reden - reicht das, um ein in der Regel politisch ausgerichtetes Thema der Woche zu vertiefen?

Ausgerechnet zum Auftakt geriet der Schwerpunkt unpräzise ( "Wechselfieber" am 4. Januar). In der zweiten Sendung stand der Sport im Mittelpunkt erkennbar keine Leidenschaft von Frau Christiansen. Als sie untersuchte, ob die Grünen nun endlich regierungsfähig seien (18. Januar), wurde sie in einer Großen Koalition von Joschka Fischer, Guido Westerwelle und Erwin Huber so machohaft-ungehobelt überstimmt, daß mancher Mitleid fühlte. Als es um die katholische Beratungspraxis in Sachen Paragraph 218 ging, riefen fast hundert Zuschauer an: die einen empört, daß die Moderatorin dem katholischen Fundamentalisten so viel Spielraum ließ, andere rundum angetan von so viel dezenter Zurückhaltung.