Geben Sie Ihrem Fahrzeug ein neues Gesicht", rät der D&W-Katalog. Mit dem "Facelift-Set" ist das kein Problem und tut auch nicht weh. Nicht Gurken-, sondern "Metall-Masken" hat der "PS-Markt", eine Art Schönheitssalon des Mannes, dafür zu bieten. Ein perfektes Make-up ist in der flächendeckenden "Voll-Lackierung" des Kühlergrills zu erblicken. Und auch zum Lidschatten der Frau findet sich ein Pendant: die "Scheinwerferblende".

Eine der ungerechtesten Formen geschlechtsspezifischer gesellschaftlicher Unterdrückung ist das Schminkverbot für den Mann. Nur die Frau ist Herrin des eigenen Gesichts, darf daraus eine Waffe schmieden und sich Vorteile verschaffen. Der Mann ist verurteilt, lebenslänglich seine zufällig vorgefundene Visage nicht nur mit sich herumzutragen, sondern auch noch "ich" dazu zu sagen, ob sie ihm gefällt oder nicht. Während das Kulturwesen Frau, sofern es sich im Spiegel als häßliches Entlein erblickt, zum Pinsel greifen und sich in einen Schwan verwandeln darf, ist der Mann zum Verbleib im Naturzustand verdammt.

Zur Kompensation dieser Benachteiligung hat der Mann etwas erfunden, das ihm gestattet, seinen Wunsch nach Schminke, Maske und Schmuck ohne Angst vor Männlichkeitsverlust auszuagieren: das Automobil. Auffrisieren, Car-Styling und nicht zuletzt die Scheinwerferblende verhelfen auch ihm zu einer blendenden Erscheinung.

Der schmale Streifen, mit dem man den oberen Rand des Scheinwerfers überklebt, hat den Zweck, die Gesichtsmetaphorik der Front zu unterstreichen. Wenn man schon nicht umhinkann, den Autoscheinwerfer aufgrund seiner Paarigkeit als Auge wahrzunehmen, braucht dieses Auge auch ein Lid. Der erstarrte Blick weit aufgerissener Augen, von keinem Lidschlag unterbrochen, bedeutet Erschrockenheit. Die Markierung eines Lids hingegen verhilft dem Scheinwerfer zu jenem Ausdruck, den der Westernheld annimmt, kurz bevor er den Colt zieht. Die Augen werden schmaler, damit der stets brillenlose Cowboy schärfer sieht und blendfrei zielen kann, aber auch, damit die aufkeimende Absicht zu schießen sich nicht in einem allzu offenen Auge vorzeitig verrate.

Der lauernde Weitblick verschafft dem Blickenden durch den Aufschub der Tat einen inneren Freiraum der Möglichkeit und der Herrschaft über die Zeit. Mit der Geste des Verdeckens des Auges sprechen Lid und Blende vom Willen, der sich im Dahinter als Instanz der aufbehaltenen Entscheidung einen imaginären Ort gibt. In der Mitte zwischen schreckgeweitet und schlafend ist das halboffene Auge ein Zeichen der Wachheit im Sinne einer Subjektivität, die ihr Handeln in Regie hat.

Das Auge sieht und blickt. Obwohl es als Sehorgan passiv ist, wird sein Blicken als Inbegriff eines intentionalen und aktiven Bezugs zur Welt und zum Du interpretiert. Um seinen Aktivismus zu beweisen, muß das Auge sich bewegen. Der Lidschlag hilft, durch seine Frequenz den Aktivitätsgrad zu verkünden. Das Lid markiert die Differenz von Aktivität und Passivität, Zurückhaltung und Entäußerung, Wahrnehmung und Kommunikation, Sehen und Blicken.

Während das an sich passive Auge von seiner beweglichen Lidblende mit symbolischer Aktivität ausgestattet wird, verhält es sich beim Scheinwerfer umgekehrt: Er kann real nur aktiv strahlen, weshalb die Blende ihn nicht abblenden, vielmehr den Betrachter so weit verblenden will, daß dieser beginnt, die Passivität des Sehens in die Lampe hineinzusehen. Erst wo Sehen und Blicken so vereint erscheinen wie im beklebten Scheinwerfer, dient dieser nicht mehr nur der besseren Sicht, sondern zugleich dem schöneren Gesicht.