Frauen. "Die Frau wird bestimmt und unterschieden mit Bezug auf den Mann, dieser aber nicht mit Bezug auf sie", schrieb Simone de Beauvoir 1949. Sie wurde seither mit diesen Sätzen in der frauenbewegten Literatur unzählige Male zitiert: "Sie ist das Unwesentliche angesichts des Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: Sie ist das andere."

Frauen. Sie tanzen johlend auf einem Bootssteg an der Ostsee, umarmen und herzen einander, und alles aus Freude darüber, daß ihnen gerade ein Kommunikationstraining gelungen ist, das weiblichen Menschen den Einstieg in die Kommunalpolitik erleichtern soll. "Trau dich frau!" lautet der Titel dieser Manifestation von Wesentlichkeitsstreben und weiblichem Anderssein: Die Freudenäußerungen entstammen einem Lehrvideo des Bundesfamilienministeriums.

Könnte man die Absichten der Herrschenden an ihrem Schulfunk erkennen, dann stünde die Bundesregierung an der Spitze der Frauenbewegung. Sie täte auch gut daran, denn die Überzeugung, daß Frauen gleichzuberechtigen seien, ist in der Bundesrepublik gesellschaftlicher Konsens. Kein Projekt der politischen Linken seit 1968 war so erfolgreich wie die neue Frauenbewegung - zumindest, was rhetorische und ideologische Wirkung angeht. Ein dichtgeknüpftes Netz aus staatlichen und politischen Frauenfördermaßnahmen überzieht heute die Bundesrepublik. Dazu gehören Gleichstellungsgesetze (in Bund und Ländern), Frauenförderpläne und Quotierungsregelungen für die Besetzung von Stellen und die Wahl von Personalräten im öffentlichen Dienst, erste Versuche der Einflußnahme auf die Privatwirtschaft (indem staatliche Aufträge nur noch an frauenfreundliche Firmen vergeben werden); die meisten Parteien haben sich eine verbindliche Frauenquote (SPD, Grüne, PDS) oder zumindest ein anzustrebendes "Frauenquorum" (CDU) auferlegt; in den Ländern gibt es Frauenministerien, an den Hochschulen Lehrstühle für Frauenforschung; haupt-, neben- und ehrenamtliche Gleichstellungsbeauftragte arbeiten in Kommunen, Landkreisen, Landes- und Bundesbehörden. "Deutschland ist das Land, das an die Bürokratie glaubt", schreibt die Publizistin Katharina Rutschky. "Die Männer ließen sich die Beschwerden der Frauen gesagt sein. Der Feminismus von Staats wegen hat die Frauenbewegung abgelöst." Ein ganz eigenes Universum, ein Subsystem des verwaltungsmäßig verfaßten Kampfes für Frauenrechte ist entstanden.

Als Quasi-Personalräte ziehen sie für Benachteiligte ins Feld

In dieser Welt gibt es eigene Regeln und Rituale, eine besondere Sprache, interne Konflikte und typische Einwohnerinnen-Biographien. Ausgestattet ist sie mit einer Unmenge von Broschüren und Leitfäden, Rhetorikkursen, Unterrichtsmaterialien und Frauenliteraturpreisen.

Rund 1500 hauptamtlich beschäftigte Frauen sind Mitglieder der Bundesarbeitsgemeinschaft Kommunaler Gleichstellungsbeauftragter (BAG). Die öffentlich bestellten und besoldeten Kämpferinnen für die Geschlechtergerechtigkeit müssen sich nicht länger mit kahlen Abstellkammern in den Kellern der Rathäuser begnügen: Heute finden sich, wenigstens in größeren Städten, ansehnliche "Frauenbüros", die Platz für moderne Büromöbel und einige Mitarbeiterinnen bieten und Wandfläche für die Ausstellung von Frauenkunst.

Die Chefinnen der Gleichstellungsstellen werden nach dem Bundesangestelltentarif (Gehaltsstufen IV b bis I) entlohnt. Zählt man die Gehälter ihrer Sachbearbeiterinnen und Sekretärinnen hinzu, kommen Personalkosten von 150 Millionen Mark jährlich zusammen. Eine vergleichsweise kleine Summe angesichts des auch in Frauenzusammenhängen gern zitierten Eurofighter-Stückpreises, aber genug, um in diesen harten Zeiten eine gewisse Neugier zu rechtfertigen: Was tun die Gleichstellungsbeauftragten im Namen der weiblichen Menschen, deren Interessen sie vertreten sollen? Aus welchen Quellen speist sich ihr Selbstverständnis, und wie erfolgreich können sie sein? Im Gleichstellungsauftrag des Grundgesetzes (Artikel 3) wirken die professionellen Frauen, so kann man es in Frauenbeauftragten-Gesetzen und Kommunalverfassungen nachlesen, an allen "Vorhaben, Entscheidungen, Programmen und Maßnahmen" der Verwaltung mit, die "Auswirkungen auf die Gleichberechtigung der Frau und die Anerkennung ihrer gleichwertigen Stellung in der Gesellschaft haben". Als Quasi-Personalräte achten sie darauf, daß im Fluß des patriarchalen Verwaltungshandelns nicht beharrlich sozusagen Frau Meier vergessen wird.