Ein ZEIT-Gespräch mit Bill Gates über seine Vision vom reibungslosen Kapitalismus und die Elektronik für jedermann

die zeit: Sie sagen immer, daß Sie herausfordernde Fragen mögen. Welche Frage, die Ihnen noch nie gestellt wurde, wollten Sie schon immer mal hören?

Bill Gates (lacht): Mein Unternehmen ist zehnmal kleiner als IBM. Aber niemand hat mich je gefragt, wie wir unsere komplexen Programme trotzdem so viel schneller entwickeln können.

zeit: Und?

Gates: Das ist eine Wissenschaft für sich. Wir verbringen die Hälfte unserer Zeit mit Tests. Viele Verbesserungen und künftige Produkte gründen darauf, daß wir die Fehler so früh wie möglich erkennen. Die Atmosphäre bei Microsoft ist offen genug, um auch schwere Fehler zuzugeben und dann schnell zu korrigieren. Unsere großen Konkurrenten sind nicht so konsequent, weil sie keine reinen Softwarefirmen sind. Ihnen fehlt der Perfektionismus.

zeit: Das ist alles?

Gates: Unser Geschäft ist schwer greifbar. Wir haben keine Milliarden teuren Anlagen wie etwa eine Chipfabrik - auf unserem Campus rauchen keine Schornsteine, sondern allenfalls Köpfe, und es geht sehr locker zu. Aber der eigentliche Unterschied liegt in der Arbeitsorganisation. Alle unsere erfolgreichen Projekte haben wir mit weit weniger Mitarbeitern bewältigt als die Konkurrenz.

zeit: Warum hat Microsoft dann so ein schlechtes Image?

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Gates: Das stimmt doch gar nicht. Aus Umfragen rund um den Globus geht zu meiner eigenen Überraschung hervor, daß Microsoft die am meisten bewunderte Firma der Welt ist.

zeit: Nennen wir es Haßliebe. Gerade unter Studenten gehört es zum guten Ton, sich im Internet über Microsoft und Bill Gates lustig zu machen.

Gates: Im Internet gibt es mehr Seiten, die Microsoft in den Himmel loben. Die Leute machen sich halt Gedanken über uns. Wenn man sie fragt, wie groß Microsoft ist, überschätzen uns die meisten bei weitem - wir werfen eben einen riesigen Schatten. 25 000 Mitarbeiter, das ist eher mittelgroß. Aber mit unseren Produkten verändern wir das Leben der Menschen. Der Erfolg der Personalcomputer wäre ohne Windows ebenso undenkbar wie das gigantische Wachstum der Softwareindustrie. Wir stehen im Zentrum einer aufregenden Entwicklung, die aber auch vielen angst macht.

zeit: Wie bekommen Sie genügend Nachschub an talentierten Programmierern?

Gates: Jedes Jahr besuchen wir dreißig Universitäten. Dort kennen wir die Professoren und die besten Studenten. Und wen wir haben wollen, den bringen wir nach Redmond, damit er sieht, was ihn erwartet. Microsoft ist attraktiv, weil kluge Menschen gerne mit klugen Menschen arbeiten. Wenn man Programme schreiben kann, dann möchte man auch, daß die etwas verändern in der Welt, daß Millionen Exemplare davon verkauft werden. Da gibt es wenig Alternativen zu uns. Und keine Firma hat je ihre Mitarbeiter in einem solchen Maß am Wachstum teilhaben lassen wie Microsoft.

zeit: Sie selbst sind ein Studienabbrecher. Haben solche Leute heute bei Ihnen eine Chance?

Gates: Wir haben da keine festen Regeln. Aber wenn jemand seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat und hervorragend programmieren kann, wird er für uns interessant.

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zeit: Ihr Ziel, daß jeder Personalcomputer mit Windows läuft, haben Sie fast erreicht. Werden wir Windows auch bald im Auto, in der Küche und im Wohnzimmer haben?

Gates: Wir haben gerade einen Vertrag mit Siemens unterzeichnet. Danach soll Windows CE, das Programm für die gesamte Verbraucherelektronik, in sehr viele Produkte eingebaut werden - von Telephonen über Medizintechnik bis zu Autoradios. Es ist beeindruckend, was Siemens so alles macht. Die haben ja mehr Software-Entwickler als Microsoft!

Bald werden Sie Chips in Ihrer Uhr, in Ihrem Auto und in Ihrer elektronischen Brieftasche haben. Und wo ein Chip ist, braucht man Software. Zwar ist der PC noch das wichtigste Verbindungsglied zum Internet, aber dazu kommen andere Geräte: Laptop, Mini-PCs für die Jackentasche, Handys. Und intelligente Fernseher: Wir haben die Firma Web TV gekauft und gerade einen Großauftrag von US-Kabelfirmen für das interaktive Fernsehen bekommen.

zeit: Also kein Leben mehr ohne Microsoft ...

Gates: Ach, uns macht es einfach Spaß, immer neue Software zu entwickeln. Und die Menschen wollen Programme, die immer leichter zu benutzen sind. Also machen wir weiter. Dutzende von Konkurrenten stehen bereit, meinen Platz einzunehmen, wenn ich nicht genau das biete, was der Markt fordert. Unser Geschäft ist einzigartig: Kaum eines meiner heutigen Produkte wird in drei oder vier Jahren noch etwas wert sein. Nehmen Sie dagegen diese Coca-Cola hier: Die wird in zwanzig Jahren noch genauso schmecken wie heute. In unserer Branche geht es darum, wer das beste neue Betriebssystem entwickelt, das zum Beispiel Sprache versteht. Die Kunden haben die Wahl, und Microsoft hat eine gute Chance, dabei wieder ganz vorne zu sein.

zeit: Es gibt ein Wettrüsten in der Computerindustrie zwischen Hard- und Software: Je schneller die Computer werden, desto komplexer wird die Software. Wie lange werden die Verbraucher das noch mitmachen?

Gates: Sie können Ihren alten Computer so lange benutzen, wie Sie wollen. Sie können auch mit der Schreibmaschine schreiben oder mit der Hand. Wir aber bieten so aufregende neue Programme an, daß achtzig Millionen Menschen sie kaufen wollen.

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zeit: Gegenbeispiel: Die alten Versionen Ihres Textverarbeitungsprogramms Word waren doch völlig ausreichend und liefen auf den damaligen Rechnern schneller als das aktuelle Word auf dem modernsten Computer.

Gates: Ausreichend für wen? Für Sie allein oder für die Bedürfnisse des Marktes? Alle neuen Funktionen führen wir doch für den Normalbenutzer ein! Zum Beispiel die automatische Fehlerkorrektur.

zeit: Die benutzen wir nicht.

Gates: Wieso nicht?

zeit: Erstens funktioniert sie nicht, und außerdem haben wir in Deutschland eine Rechtschreibreform.

Gates: Aber da kann Ihnen die Software doch helfen. Wir bringen einfach eine neue Version auf den Markt, die Ihre neuen Rechtschreibregeln berücksichtigt!

zeit: Die Computerrevolution, die Sie so emsig vorantreiben, macht vielen Menschen in Deutschland angst. Sie scheint mehr Jobs zu vernichten, als sie neue schafft.

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Gates: Dahinter steckt der Trugschluß, es gäbe nur einen bestimmten Vorrat an Arbeitsplätzen. Aber solange das Gesundheitssystem noch nicht perfekt ist und die Schulklassen noch so groß sind, gibt es im Prinzip unendlich viele Jobs. Die Erfindung der Traktoren hat ja unter dem Strich auch keine Arbeitsplätze vernichtet. Nehmen Sie die amerikanische Wirtschaft, die schneller auf Computer umgestiegen ist als jedes andere Land: Sie hat mehr Jobs geschaffen als alle anderen, weil sie im internationalen Wettbewerb vorne liegt. Ein Land effizienter zu machen bedeutet letztlich, mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Sonst wären wir ja alle noch Bauern.

zeit: Von Ihnen stammt der Begriff des reibungslosen Kapitalismus durch einen neuen Weltmarkt in den Computernetzen. Aber für Arbeitnehmer in den Industrienationen wird die Informationsgesellschaft doch alles andere als reibungslos sein.

Gates: In der Marktwirtschaft geht es doch darum, Käufer und Verkäufer zusammenzubringen. Stellen Sie sich einen Behinderten vor, der von zu Hause aus höchst wertvolle Dienstleistungen anbieten könnte. Das Internet hilft ihm, Kunden zu finden. Oder Sie suchen ein tolles Geschenk, das es aber nur dreihundert Meilen entfernt gibt. Im Netz können Sie es finden. Sie tippen ein, was Sie suchen, und wenn das Angebot irgendwo existiert, finden Sie es. Das meine ich mit weniger Reibung.

zeit: So entsteht aber auch eine internationale Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Die Lufthansa läßt Buchungen heute unter anderem in Indien und Südamerika bearbeiten - über Computernetze. Können Sie die Sorgen europäischer Arbeitnehmer angesichts der billigeren Kräfte in der Dritten Welt verstehen?

Gates: Arbeitslosigkeit kann niemanden gleichgültig lassen. Wenn jemand seine Arbeit verliert, tut mir das immer leid. Aber auch als der Traktor in die Agrarwirtschaft kam, verloren viele Menschen ihre Arbeit.

zeit: Wie müssen wir die Gesellschaft umbauen, damit sie mit dem rasanten Wandel besser umgehen kann?

Gates: Die Rolle des Staates ist es, die Menschen so auszubilden, daß sie technologischen Wandel bewältigen können. Und er muß die Härten dieses Wandels ausgleichen helfen. Dafür nimmt er über Steuern einen Teil des gesellschaftlichen Vermögens an sich.

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zeit: Zurück zu Ihrer eigenen Rolle. Mittlerweile stellen Sie nicht nur Computerprogramme her, sondern bieten auch Inhalte an - vom Fernsehkanal und Internet-Anbieter MSNBC über Spiele auf CD-ROM bis zum Automarkt im Internet. Welche Strategie steckt dahinter?

Gates: Der Anteil all dieser Angebote an unserem Umsatz ist verschwindend gering. Auch künftig wird Software unser großes Geschäft sein. Mit dem Internet verdienen wir praktisch kein Geld, weil dort der Werbeumsatz noch sehr klein ist.

zeit: Sie haben aber auch massenweise Rechte an Bildern und Zeichnungen gekauft, um im Netz damit Geld zu verdienen.

Gates: Nicht Microsoft. Ich besitze privat einen Teil der Firma Corbis, die das macht.

zeit: Das ist es ja gerade. Die Öffentlichkeit macht sich Sorgen, daß Bill Gates sowohl das Softwaregeschäft als auch die Inhalte der Zukunft beherrschen könnte.

Gates: Es sollte den Menschen eher Sorgen machen, daß sie in der traditionellen Medienwelt nur relativ wenige Fernsehkanäle empfangen und Zeitungen lesen können. Wer Angst vor einem Medienmonopol hat, der müßte das Internet für die beste Entwicklung überhaupt halten. Denn dort kann jeder veröffentlichen. Und Corbis hat Archive voll wunderbarer Bilder übernommen, die bisher unzugänglich waren. Für Millionen von Dollar hat das Unternehmen sie dann in die Computer eingelesen, und jetzt können Sie sich all diese Bilder im Internet anschauen. Im Netz werden den Menschen Dinge zugänglich, die sie sonst nie gesehen hätten.

zeit: Gerade in den USA halten auch viele Politiker Microsoft für zu mächtig. Können Sie die Bedenken gegenüber einer Firma verstehen, die fast neunzig Prozent aller Betriebssysteme und Programme für die Büroorganisation verkauft? Wie fänden Sie es, wenn eine solche Situation in einer anderen Branche aufträte?

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Gates: Das Ziel ist immer, den Verbrauchern gute Produkte anzubieten. Sie können jede Branche nehmen, die Sie wollen: Die Softwareindustrie ist die Nummer eins in bezug auf sinkende Preise, wachsende Forschung und tolle Produktinnovationen. In dieser Branche ist niemandes Zukunft garantiert. Wenn jemand mit einem guten Produkt ankommt, kann er noch am gleichen Tag den Markt erobern. Er muß es nur im Internet anbieten, und jedermann kann es abrufen. Keine Branche ist da offener.

zeit: Theoretisch ist das in der Tat beruhigend. Jeden Tag könnte jemand kommen, der Ihnen den Markt aus der Hand reißt. Tatsächlich haben Sie ein ums andere Mal solche Attacken abgewehrt, und Ihre Dominanz wurde immer größer.

Gates: Weil wir gute Arbeit machen. Vielleicht ist gute Arbeit ja illegal. Stellen Sie sich einen Fußballer vor, der fünf Jahre hintereinander besser spielt als die anderen. Ist das nicht irgendwie illegal, monopolistisch? Sollte man den Mann nicht zwingen, schlechter zu spielen, damit auch andere mal drankommen? Man könnte ja ein Gesetz schaffen, das es verbietet, die besten Computerprogramme zu entwickeln.

zeit: Vor ein paar Jahren eroberte die Firma Netscape mit ihrem tollen Programm für Internet-Nutzer, Browser genannt, einen großen Teil dieses neuen Marktes. Damals war Microsoft daran nicht sonderlich interessiert. Als der Markt aber wuchs, haben Sie ihn nach und nach aufgerollt. Dieser Erfolg hat sicherlich nicht nur mit der Qualität Ihrer Software zu tun, sondern auch damit, daß Sie auf Abermillionen Windows-Benutzer zurückgreifen können ...

Gates: Das ist vollkommen falsch. Wir hatten solche Browser als Teil von Windows angekündigt, bevor Netscape überhaupt existierte. Schon die erste Ausgabe von Windows 95 enthielt einen Browser. Und welchen Marktanteil hat mir das zunächst gebracht? Null! Dann kamen wir mit der nächsten Version heraus. Nette Leute haben hart daran gearbeitet. Und welchen Marktanteil bescherte uns das? Wieder null. Warum? Netscape hatte die besseren Kritiken, und die Kunden richteten sich danach. Dann haben wir noch härter gearbeitet, und die nächste Version gewann jeden Vergleich. Wenn Netscape eines Tages wieder das beste Produkt hat, wird unser Marktanteil schnell sinken.

zeit: Aber mit Ihrer Dominanz bei den Betriebssystemem und dem damit verdienten Geld können Sie sich ein, zwei Flops leisten, ohne das Unternehmen zu gefährden. Und irgendwann gewinnen Sie dann.

Gates: Wissen Sie, so richtig leid tut mir diese erste kleine Firma in der Branche. Sie hatte die grandiose Idee, Programme für Kleincomputer zu entwickeln. Kam irgendein Konzern mit mehr Geld und schlug sie aus dem Feld? Nein. Diese Firma hieß Microsoft. Wir haben in den vergangenen 22 Jahren bewiesen, daß in der Softwarebranche nicht Größe und Geld entscheidend sind. Tut mir leid. Die großen Konkurrenten steigen wieder und wieder in den Ring mit all ihrem Geld und all ihrer Größe. Aber dann verlieren sie wieder die Produktvergleiche. Zu dumm. In dieser Branche hat noch nie jemand etwas erreicht, ohne überzeugende Produkte auszuliefern.

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zeit: Trotzdem baut sich derzeit eine Koalition auf, die Microsofts Macht brechen will. Senator Hatch aus Utah zum Beispiel. Macht Ihnen das angst?

Gates: Sie sprechen vom einzigen Senator, der jemals etwas Schlechtes über Microsoft gesagt hat. Aber dreißig Senatoren haben sich positiv über uns geäußert. Warum fragen Sie nicht nach denen?

zeit: Weil wir wissen wollen, ob Sie fürchten, daß sich da eine mächtige Koalition gegen Microsoft aufbauen könnte ...

Gates: Die Presse dramatisiert gerne das Vorgehen des Justizministeriums gegen uns. Aber dieser Streit geht nur darum, ob wir eine verstümmelte Version unserer Software ausliefern müssen. Unsere Konkurrenten nutzen diese Gelegenheit, um gegen uns Front zu machen. Scott McNealy von Sun Microsystems macht das humorvoll, Larry Ellison von Oracle eher brutal.

zeit: Sie wachen nie nachts auf und fürchten, daß Anti-Trust-Politiker das Imperium Microsoft zerschlagen könnten?

Gates: Niemand in einer ernstzunehmenden Position hat das je gefordert. Ich mache mir viele Sorgen - ob wir genug auf unsere Kunden hören, ob wir die richtigen Produkte entwickeln, ob wir attraktive Arbeitsbedingungen schaffen. Ich bin nicht in der Politik, sondern im Softwaregeschäft. Und diese Arbeit liebe ich.

Weitere Informationen zu Gates und Microsoft unter www.zeit.de/links/bill_gates.html

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