Er kam im Hubschrauber. Aus dem bayerischen Himmel schwebte er wie in einem Science-fiction-Szenario hernieder auf das Schneefeld vor der Haustür des BMW-Bildungszentrums am Tegernsee: William H. Gates III. auf Europatournee. Wie die meisten großen Bosse kommt auch er nicht ohne Hofstaat aus. Seine Leute wedelten vor und hinter ihm, Sicherheitspersonal bildete einen Cordon sanitaire. Der Midas der Informationsgesellschaft muß geschützt werden. Jede Software, die er berührt, verwandelt sich unter seinen Händen zu Gold, fast jede.

Einer der Manager, die ihm für fünfzig Minuten lauschen durften, erzählte hinterher, wie er den Microsoft-Gründer l984 auf der Cebit in Hannover zum erstenmal erlebte. Seinem damaligen Chef hatte er geraten, mit Gates ins Gespräch zu kommen. Der war gerade 28 Jahre alt und sah noch jünger aus, "der typische Computerfreak in zerbeulten Cordhosen und kariertem Hemd". Der deutsche Unternehmer fragte damals irritiert: "Mit dem soll ich reden?"

Heute fragt das niemand mehr. Er verkörpert das Morgen, den Fortschritt, die Zukunft. Wenn er erscheint, verbreitet sich andächtige Stille, in der sich jeder fragen kann, ob dieses Genie mehr Mensch oder mehr Maschine ist. Dabei sieht er auch mit 42 Jahren noch so bescheiden und linkisch aus wie Dustin Hofman in der "Reifeprüfung". Zwar kommt Gates nicht in Turnschuhen und Anorak - auf seiner Werbetour trägt er Anzug und Krawatte -, aber noch immer vermittelt er zunächst den Eindruck eines Menschen, der nicht genau weiß, wo es langgeht.

Diesen Auftritt beherrschte er perfekt. Schmal und blaß blieb er im Türrahmen des Konferenzraums stehen und wartete artig, bis Gerhard Schulmeyer, der Chef von Siemens-Nixdorf, erklärt hatte, wie es ihm gelungen sei, den Gründer von Microsoft in dieses Symposium am Tegernsee zu locken, in dem die Unternehmensstrukturen des 21. Jahrhunderts diskutiert wurden. Gates hatte bei Siemens einen Stopp eingelegt, war also gerade in der Gegend.

Der Star trat zum Podium, sagte "super" und begann ohne weitere Umschweife die "unglaubliche Ineffizienz" der Unternehmen von heute zu geißeln: In den Personalabteilungen sollte schleunigst der Papierkram verschwinden, mit Hilfe seiner Software wären auch die Reisekosten effizienter abzurechnen. Während einer seiner jungen Leute das "digitale Nervensystem" erklärte, mit dessen Hilfe die Unternehmen sich auf Vordermann bringen könnten, nuckelte Bill Gates an einer Colaflasche, lächelte herzlich über jedes Witzchen, das sein junger Mann in die Präsentation einstreute, und blickte so begeistert auf die Leinwand, wie das sonst nur amerikanische Präsidentengattinnen tun, wenn ihr Mann die Botschaft zur Lage der Nation verliest. Nein, wie ein Charismatiker, der die Menschen im Gedankenaustausch für die Informationsgesellschaft gewinnt, wirkt er wirklich nicht. Er gehört auch nicht zu jener digitalen Avantgarde, die von Herzen daran glaubt, daß die Welt mit Hilfe des Internet befreit und verbessert werden kann. Das unterschreibt Bill Gates zwar, aber für das Internet hat er sich erst interessiert, als es auch Geld zu verdienen gab.

Leicht vergrämt entdeckt man, daß auf der Metaebene bei ihm nicht viel zu holen ist. Effizienz ist sein Credo, er sieht nur Chips und Märkte, Verkäufer und Käufer und die grenzenlosen Chancen für seine Software. Die Aggressivität im Geschäftsgebaren, die ihm nachgesagt wird, sein kriegerischer Geist, sein Eroberungssinn und Machtdrang, von dem Ralph Nader, der amerikanische Verbraucheranwalt, einmal sagte: "Der Unterschied zwischen John D. Rockefeller und Bill Gates ist, daß Gates keine Grenzen für seine Monopolstellung anerkennt" - das alles ließ seine Präsentation am Tegernsee allenfalls ahnen.

Daß er, wie einer der Seminarteilnehmer mitteilte, persönlich viermal soviel wert ist wie der gesamte Siemens-Konzern, ließ sich für denjenigen, der es nicht wußte, auch nicht erkennen. Im Gespräch war er locker, liebenswürdig und konnte zuhören. Intelligente Fragen animierten ihn; bei solchen, die ihm nicht paßten, schaltete er ab. Effizient ist eben nicht nur sein Medium, sondern auch seine Natur. Sobald etwas gesagt wurde, das ihn anregte, öffnete er die Luken und dankte fast mit Begeisterung.