die zeit: Worin sehen Sie die entscheidenden Mängel bei der Novellierung des Hochschulrahmengesetzes?

KLAUS VON BEYME: Sie ist nicht radikal genug. Zunächst müßte eine "heilige Kuh" geschlachtet werden: die Habilitation. Ein neues Modell könnte so aussehen wie in den USA. Die Einführung eines Bachelors ist ja in Deutschland bereits vorgesehen. In der Regel sollte die dann folgende zweite Stufe mit dem Magister abgeschlossen werden, danach die Promotion folgen. Mit ihr wird eine wissenschaftliche Karriere begründet. Dann könnte sich eine Assistenzprofessur anschließen. Sie ist auf fünf Jahre befristet und kann nochmals um weitere fünf Jahre im Status eines assoziierten Professors (das, was in den USA Associate Professor heißt) verlängert werden. Und erst dann gibt es eine feste Anstellung, wobei es nicht selbstverständlich sein sollte, daß Professoren verbeamtet werden. Auch die Abschaffung von Instituten mit ihrem hohen Verwaltungsaufwand, eigenen Bibliotheken und großem Mitarbeiterstab könnte wesentlich zu der Hochschulreform beitragen.

zeit: Wie könnte das Verhältnis von Staat und Hochschule verbessert werden?

V. BEYME: Es muß eine größere Autonomie für die Hochschulen erreicht werden. Hier sind "Schritte in die richtige Richtung" - wie das in Bonn-Deutsch heute heißt - in den Entwürfen zur Novellierung des HRG gemacht worden. Sie reichen aber längst nicht aus. Ich könnte mir vorstellen, daß der Staat sich aus der totalen Kontrolle des Universitätswesens noch stärker zurückzieht und Globaldotationen vergibt. Die Hochschulen müssen ihre Prioritäten selbst festlegen können. Dazu wäre eine Art board von Wissenschaftlern nötig, die auch von außerhalb der Universität kommen. Denn wir sehen zum Beispiel: Wenn man eine Fakultät abschaffen will, wie die Zahnmedizin in Rostock oder die Pharmazie in Heidelberg, steht sofort das ganze Land auf. In Mecklenburg kommt es sogar zu einer Volksinitiative, um die Fakultät zu erhalten - da stimmen dann lauter Bürger ab, die wirklich keinen Durchblick haben. Populismus mag in der Politik unvermeidbar sein; zur Gestaltung von Universitäten ist er ungeeignet.

zeit: Wie weit sollte die Autonomie der Uni reichen?

V. BEYME: Die völlige Entstaatlichung der Hochschulen wird nicht möglich sein, das widerspricht der deutschen Tradition. Die Vorstellung, daß wir amerikanische Privatuniversitäten mit Sponsoren haben können, ist nicht realistisch. Die staatliche Unterstützung werden wir, genau wie im Kulturbereich, auch weiterhin brauchen. Ich sehe aber auch andere Möglichkeiten: Die Alumni, also unsere Absolventen, sind ein Kapital, das die deutschen Universitäten bisher völlig brachliegen lassen. Die Universität Heidelberg hat begonnen, sich um die Gruppe der früheren Absolventen zu kümmern - das müßte auch anderswo geschehen. Man darf die Alumni aber nicht nur als Geldquelle benutzen, sondern muß ihnen auch etwas bieten, etwa Fortbildungskurse.

zeit: Ist Amerika das Vorbild für unser Hochschulsystem?