Es sind in der Tat schwindelerregende Möglichkeiten, die sich für die Menschheit mit dem rapiden Wissenszuwachs auf molekularbiologischem und reproduktionsmedizinischem Gebiet auftun. Krankheiten bereits im genetischen Code aufhalten, nicht erst auf dem Weg ihrer Manifestation. Erbkrankheiten von vornherein ausmerzen. Das Geschlecht der Ungeborenen bestimmen. Menschen klonen. Das biologische Schicksal eines jeden noch vor der Geburt voraussagen. Den Prozeß von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt unter Kontrolle bringen. Das Leben biblisch verlängern; vielleicht Unsterblichkeit erringen.

Wissenszuwachs impliziert Machbarkeitszuwachs. Daß manche triumphieren, andere bis ins Mark erschrecken und viele ratlos zwischen Triumph und Schreck schwanken, hat seine Richtigkeit. Die Menschheit muß sich bald einfallen lassen, was sie mit diesem Wissenszuwachs anfangen will: wo die Demarkationslinie gezogen werden soll, die das Zulässige vom Unzulässigen scheidet. Der Wissenszuwachs selbst ist unaufhaltsam, aufhaltsam aber wären bestimmte Anwendungen des Wissens. Bei der Definition der Demarkationslinie geht es um letzte Fragen. Da sind Euphorien der Naturbezwingung und Grenzüberschreitung nicht dienlich; pauschale Panik, Drohungen mit dem Frankenstein-Monster aber ebensowenig.

In einem sehr bemerkenswerten kleinen Aufsatz hat sich Jürgen Habermas kürzlich in der Süddeutschen Zeitung zum Grenzproblem des Klonens von Menschen geäußert. Er begründet dessen Unzulässigkeit auf originelle Weise. Der Klon (also die vollständige genetische Kopie eines anderen Menschen), sagt Habermas, ist eine Art Sklave, weil er nämlich einen "Teil der Verantwortung, die er sonst selbst tragen müßte, auf andere Personen abschieben kann". Eine andere Person habe vor seiner Geburt ein Urteil über ihn verhängt, indem sie ihm einen unwiderruflichen genetischen Code zudiktiert habe. Der Klon kann jemand anders für sein Sosein haftbar machen.

Habermas' Argument ist stark. Es hat nur zwei Schwächen. Die eine: Das moralische Problem würde weniger für den Klon bestehen als für den, der ihn erzeugen läßt. Wer er genetisch werden will, konnte sich noch nie ein Mensch aussuchen. Seine Eltern haben ihm immer das Genom diktiert. Kinder konnten ihre Eltern immer für ihr Sosein haftbar machen. Die Fortpflanzung enthielt nur immer ein die elterliche Verantwortung entlastendes Element von Zufall: Zwar teilen die Eltern ihren Kindern die eigenen Gene zu, jeder Elternteil die Hälfte - aber in welcher Kombination, das bestimmt die Lotterie. Derjenige aber, der einen Klon von sich oder einem anderen Menschen erzeugen läßt, ein künstliches Geschwister, maßt sich an, diesen kombinatorischen Zufall auszuschließen. Er sagt de facto: Du sollst genauso sein wie ich (oder wie unser liebes Kind, deine tote Schwester, dein toter Bruder). Natürlich wäre dieser andere durchaus nicht genau wie sein Original; die identischen Erbanlagen würden in einer anderen Lebensgeschichte auf andere Weise aktualisiert. Aber wer sich selbst für so ideal hält, daß er einem anderen genau die eigenen Erbanlagen zumutet, muß größenwahnsinnig sein und damit für jede Fortpflanzung ungeeignet.

Die Verantwortung der Reproduktion läßt sich nur übernehmen, weil man durch die Zufälle der Kombination eben nicht genau vorhersehen kann, wie das Kind sein wird.

Die andere Schwäche: Weitergedacht, würde das Argument nicht nur das Klonen ausschließen, sondern letztlich jeden schwerwiegenden, irreversiblen Eingriff in die körperliche Befindlichkeit eines Unmündigen. Eltern müßten ihren kranken Kindern Therapien vorenthalten, damit diese die Freiheit haben, ihr naturgegebenes Schicksal auf sich zu nehmen oder sich später selbst dagegen zu wehren. Alles andere wäre ja Fremdbestimmung, eine Form von Sklaverei. Selbst wenn alle Sozialethiker der Welt zu diesem Schluß kämen: Die Menschen würden sich hoffentlich nicht daran kehren. Keine Bioethik sollte Eltern verbieten, mit allen rationalen Mitteln und so früh wie möglich gegen die Krankheiten ihrer Kinder zu kämpfen. Täte sie es, würde sie zuschanden.

Vielleicht sollte sich die Bioethik an der Biologie orientieren