Der Arzt wartet im Lotossitz auf seinem Bett. Ein barmherziger Buddha im roten Anorak. Die Morgensonne drückt nur bescheidenes Licht in den kleinen Raum, der durch einen eisernen Topf mit glühender Kohle geheizt wird und der zugleich als Wohn-, Schlaf- und Behandlungszimmer dient. Ich nehme Platz. Dr. Tenzin Choedrak nimmt meine Hand und drückt die Kuppen seiner mittleren drei Finger auf meine Pulsschlagader, während seine großen Augen mein Gesicht abtasten. Stille. Er verändert den Druck der einzelnen Finger, als spiele er auf einer Saite. Oder als wolle er den Geheimcode an einem Safe ertasten.

Er will meinen Gesundheitscode ertasten. Bei der Pulsdiagnose, dem Herzen der tibetischen Medizin, checkt er mit dem Zeigefinger den Oberkörper und die Haut, mit dem Mittelfinger den mittleren Körperabschnitt, Muskeln und Blut, mit dem Ringfinger die Knochensubstanz. Aber auf geheimnisvolle Weise erforscht er auch Leber, Magen, Herz und Nieren und den ganzen Rest von mir. Der 76jährige Dr. Choedrak ist der Leibarzt Seiner Heiligkeit, des Dalai-Lama. Und heute bin ich sein Patient. Auf der Suche nach den Geheimnissen der in aller Welt berühmten, jahrtausendealten tibetischen Medizin konsultieren wir den Großmeister persönlich. 1956 wurde er als 35jähriger in Lhasa zum persönlichen Arzt des Dalai-Lama berufen. Als dieser 1959 vor den Mordhorden der chinesischen Besetzer nach Indien floh, blieb Choedrak zurück. Die Chinesen beschuldigten ihn konterrevolutionärer Spionage und folterten ihn. Erst nach siebzehn Jahren Terror und Gefangenschaft wurde er freigelassen, konnte nach Dharamsala in Nordindien ausreisen und wurde dort zum Chefarzt des medizinischen Instituts Men-Tsee-Khang in der tibetischen Exilkommune berufen.

Die andere Hand, bitte. Wieder bearbeitet er meine Pulsschlagader wie eine Saite. Ich habe das Gefühl, daß er nicht nur meine körperlichen Mängel, sondern auch die dunklen Seiten meiner Seele erspürt. Aber der forschende Druck seiner sensiblen Fingerkuppen euphorisiert gleichzeitig: Es ist, als massiere er meine Wunden, als würde er heilende Kräfte und Säfte ins System senden.

Die Zunge, bitte. Und den Urin. Ein Blick genügt. Er runzelt die Stirn. Mein Gott, was habe ich? Der Doktor spricht tibetisch. Die strengen Töne klingen wie ein Todesurteil. Vielleicht auf Bewährung.

Sein junger Arztkollege, der als Dolmetscher fungiert, fragt mich: "Was nehmen Sie für Tabletten?" Tabletten? "Nur Vitamine. In den letzten Tagen Melatonin, um den Jetlag der Flugreise nach Indien zu verkürzen." Der Blick der Tibeter sagt genug. Ich werde in Zukunft lieber den Jetlag ertragen.

"Sie ernähren sich falsch. Zuviel Fleisch, zuviel Fett, zuviel Alkohol, zuviel gebratene Speisen, zuviel alten Käse, zu sauer, zu scharf." Aus Unwissenheit und Genußsucht mißhandele ich seit Jahren meinen armen Körper.

Dr. Choedrak nennt mir Beschwerden, die ich teils schon wahrgenommen habe, teils noch nicht, und prophezeit ein paar weitere Störungen für die Zukunft, falls ich mich nicht respektvoller um Leib und Seele kümmere. Die Elemente und Energien in meinem Körper sind wegen falscher Ernährung aus dem Gleichgewicht geraten.