Moskau

Asienpolitik ist "russische Innenpolitik", schrieb im Jahr 1816 des Zaren Staatssekretär für Auswärtiges an den russischen Botschafter in London. "Sie duldet keine Vermittlung, keine Einmischung, nicht einmal gute Dienste einer fremden Macht." Sechzig Jahre nach Karl Graf Nesselrodes gebieterischer Depesche war Zentralasien in der Hand des Zaren. Bis vor zehn Jahren standen russisch-sowjetische Truppen am Hindukusch und am Pontischen Gebirge, zum Zeichen der Moskauer Vorherrschaft über Asien.

Die jüngste Krise im Irak hat Rußland daran erinnert, daß dies nur noch Geschichte ist. Moskau macht sich für die Aufhebung der Sanktionen gegen den Irak stark, um russische Verträge und irakische Altschulden loszueisen. Präsident Jelzin warnt, Amerikas Politik im Nahen Osten könne "den dritten Weltkrieg herausfordern". Doch das Ergebnis der beharrlichen Diplomatie und der apokalyptischen Drohung ist ernüchternd. Die USA rüsten unbeeindruckt zum Militärschlag gegen den Irak und halten Moskau einmal mehr den Spiegel vor: Rußland ist keine Großmacht mehr.

Viele Russen schmerzt noch heute der Verlust des Imperiums, dessen Ausmaß früher auf Wandkarten in fast jeder sowjetischen Amtsstube zu bestaunen war. Ihre Nostalgie verstellt jedoch den Blick auf das eigentliche Dilemma des Landes. Rußlands modernes Joch ist nicht der Abfall der Ukraine oder Usbekistans; es ist die Unmöglichkeit, sich einmal in der Geschichte zur Sammlung und Erneuerung in eine sichere europäische Nische zurückziehen zu dürfen. Alle Appelle zur "Einbindung" Rußlands in Europa, zuletzt von Helmut Kohl in Riga wiederholt, sind schöne Worte ohne Aussicht auf Einlösung. Auch das verkleinerte Rußland paßt nicht unter das europäische Dach.

Von der einstigen Großmacht ist bloß ein Großraum geblieben, dessen Grenzen vier Kraftzentren der Welt des 21. Jahrhunderts tangieren. Rußland stößt im Nordosten auf die Supermacht Amerika, im Südosten auf die aufstrebende Großmacht China, im Westen von 1999 an auf die amerikanisch dominierte Nato und im Süden auf den ebenso rohstoffreichen wie krisenträchtigen Landgürtel von Aserbajdschan bis Tadschikistan. Seine Politiker sehen sich bedrängt von sämtlichen großen Themen des 21. Jahrhunderts: darunter dem Kampf um Rohstoffe und Pipelines, der Renaissance des Islam, dem Aufstieg Chinas, der Migration von Millionen Menschen. Diesen Problemen zu begegnen, bedarf es wirtschaftlicher und militärischer Reserven, die ihnen nicht zur Verfügung stehen. Rußland ist zur Weltpolitik verurteilt, ohne Weltmacht zu sein.

Nirgendwo wird die Erschöpfung des Landes eindringlicher beschrieben als in dem 37seitigen Programm zur nationalen Sicherheit, das Boris Jelzin Ende Dezember abgezeichnet hat. Die schonungslose Selbstdiagnose des Präsidenten stellt fest, Rußlands Einfluß in der Welt habe "stark abgenommen", es sei in Asien "isoliert" und könne im Westen der Nato-Osterweiterung nur zusehen. Doch als "Hauptgrund für die Gefährdung der nationalen Sicherheit" ortet das Papier den "krisenhaften Zustand der Wirtschaft": ausbleibende Investitionen, Rückstand in der Hochtechnologie, wachsende Importabhängigkeit, den Bankrott öffentlicher Haushalte. "Zentrifugale Kräfte" bedrohten den Zusammenhalt des Landes aus 89 Föderationssubjekten.

Manche dieser Gebrechen sind chronisch. Rußlands wirtschaftliche und technologische Rückständigkeit quält seine Herrscher seit mehr als dreihundert Jahren. Ob Peter der Große oder Josef Stalin - sie unterwarfen das Land gewaltigen, mörderischen Reformen, um es brachial in die Moderne zu stoßen. Viele russische Führer versuchten, Unterentwicklung durch militärische Expansion wettzumachen, bis die schiere Weite der dünnbesiedelten Landmassen selbst zum Problem wurde. Rußland verarmte an seiner Größe. Heute ist der Fluchtweg in den Eroberungskrieg versperrt. Jelzins Programm nationaler Sicherheit stellt fest: Die konventionellen Streitkräfte sind geschwächt und unzuverlässig. Die Regierung "behält sich den Einsatz von Nuklearwaffen vor, wenn Rußland angegriffen wird".