Es war eine Nacht des Schreckens. Notärzte rasten mit heulenden Sirenen durchs Land, rotierendes Blaulicht blendete die Eulen im Oderbruch; von Schleswig-Holstein bis Bayern rangen Menschen mit dem Tode. Was war geschehen? Die Nation hatte Siebecks Weihnachtsmenü gelesen und die Zitronen-Mousse nachgekocht.

Aber anstatt geduldig zu warten, bis das Raumschiff kommen und sie ins Schlaraffenland entführen würde, schrieben sie wütende Briefe. "Ungenießbar!!" - "Saure Sauerei!" - "Sie haben unsere Familie vergiftet!" "Magendurchbruch!" - "Meine Kinder haben einen Schock fürs Leben!" Lediglich ein Leser aus Kanada blieb gelassen: "Nachdem feststand, daß Ihre Mousse für den menschlichen Verzehr nicht geeignet war, haben wir sie löffelweise in einem Abstand von zwei Metern um unser Blockhaus verteilt. Seitdem haben wir Ruhe vor den Bären, die bisher unsere Mülltonnen plünderten."

Wie konnte es dazu kommen? Was hat den unfehlbaren Guru der besserverdienenden Hobbyköche bewogen, seine Anhänger so zu vergrätzen? Wir blenden zurück:

Ein sonniger Herbsttag in der Provence. Der Meister sitzt im Garten seines Hauses unter einem Olivenbaum auf der antiken Eisenbank. Vor ihm das antike Eisentischchen mit dem antiken Powerbook, neben ihm Frau Hoffmann. Sie gähnt mit weit aufgerissener Schnauze. Mundgeruch übertönt Rosmarin. "Es sind die Mäuse", entschuldigt sie sich. "Sie fressen den genmanipulierten Mais auf den Feldern. Das macht sie bitter." - "Warum frißt du sie denn überhaupt?" fragt der Meister geistesabwesend. "Wozu rennen sie sonst hier rum? Mäuse sind dazu da, gefressen zu werden, ob sie bitter schmecken oder sauer." Sauer, denkt der Meister, etwas Saures als Abschluß. Das ist es!

Es kann aber auch ganz anders gewesen sein: Es ist ein nebliger Herbsttag. Der bekannte Kochbuchautor betritt die Buchhandlung in einer badischen Kreisstadt. "Welche Neuerscheinungen gibt es? Wo finde ich Ideen für das verdammte Weihnachtsmenü?" Die Buchhändlerin stellt eilfertig eine Flasche Gutedel und ein Glas auf den Tisch: "Den müssen Sie probieren, Herr Siebeck! Im Holzfaß ausgebaut. Schmeckt überhaupt nicht wie ein Gutedel!" - "Solange er Alkohol enthält, soll's mir recht sein." - "Außerdem hat er eine erstaunliche Säure!" - "Sauer macht lustig!" - "Trefflich bemerkt, Herr Siebeck. Da wir gerade davon sprechen: Ich habe mir den ,Larousse Gastronomique' besorgt, diese dicke Kochbibel der Franzosen ..." - "Kenn' ich, habe ich selber." - " ... und darin steht ein Rezept von Alain Chapel, das mir nicht geheuer erscheint. Da wird eine Zitronen-Mousse mit dem Saft von sechs grünen und zwei gelben Zitronen beschrieben, die aber mit nur fünf Eßlöffeln Zucker gesüßt wird. Ein Druckfehler, oder?"

Der Autor leert mit geübtem Schwung das Weinglas auf einen Zug und stellt es schmatzend ab. "Schöne Säure, in der Tat. Wieviel Zucker, sagten Sie?" "Fünf Eßlöffel, das sind doch nicht mehr als fünfundsiebzig Gramm, nicht wahr?" - "Keine Ahnung. Jemand sollte es mal ausprobieren. Es gibt da ein paar Leute, die sind ganz wild auf solche Rezepte. Wenn ich sie ihnen einrede", setzt er leise hinzu. "Ist da noch ein Schluck in der Flasche?"

Zur selben Zeit in einem Hamburger Haushalt: Das besserverdienende Ehepaar bespricht die bevorstehenden Weihnachtstage. "Mallorca, Karibik, Seychellen alles ausgebucht. Und ich hatte mich so auf einen Tapetenwechsel gefreut!" klagt die berufstätige Hausfrau und Mutter.