Von Kindesbeinen an beschäftigt mich folgende Mär: Vom Grund eines hinreichend tiefen Brunnens aus sieht man auch am Tage Sterne. Eine persönliche Verifizierung steht noch aus, da es mir stets an Brunnen gebrach.

Sven Uwe Keimling, Oldenburg

Die "persönliche Verifizierung" können Sie sich sparen, Herr Keimling - man sieht nichts. Zwar schrieb schon Aristoteles, daß dies möglich sei, aber der behauptete ja auch, daß Männer mehr Zähne hätten als Frauen. Der britische Physiker David W. Hughes hat 1983 im Quarterly Journal of the Royal Academic Society das Ergebnis einer peniblen Untersuchung veröffentlicht. Danach hat außer den Planeten Venus, Mars und Jupiter nur der Stern Sirius eine Chance, bei Tag gesichtet zu werden. Die anderen Sterne überstrahlt das Sonnenlicht, und das läßt sich nicht ausblenden - durch die Streuwirkung der Atmosphäre ist der Himmel überall hell.

Übrigens ist es selbst bei Nacht schwer, Sterne durch eine Röhre - einen Kamin oder auch eine Papprolle - zu erspähen: Ist das Rohr zehnmal so lang wie sein Durchmesser, sieht man zumindest in der Stadt in zwei von drei Fällen überhaupt nichts, weil der entsprechende Ausschnitt des Himmels zu klein ist.

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