Die Sanduhr läuft. Gibt es demnächst wieder Krieg im Irak? Wer im Diktator von Bagdad nur den Hitler des Nahen Ostens sehen will, kann sich die Entscheidung leichtmachen. Dieser Bösewicht muß mit Gewalt in die Schranken gewiesen werden, je härter, desto besser. Jede Bombe schmälert seine Macht, gleichgültig, welchen Schaden sie sonst anrichtet. Und vielleicht wird Saddam selber - um so besser! - im Keller eines seiner Paläste von einem der Präzisionsgeschosse erwischt, die Amerika zum Einsatz gegen den Irak am Golf aufgefahren hat.

Wer dagegen Haßbilder für untaugliche Erklärungsmuster hält, hat es schwerer mit der Frage, was zu tun ist angesichts der systematischen Weigerung des Irak, seine Bestände an Massenvernichtungswaffen den UN-Inspekteuren offenzulegen. Gewiß, Saddam Hussein ist ein brutaler, menschenverachtender Herrscher. Aber hinter seinem Verhalten lassen sich auch halbwegs rationale Motive ausmachen.

Am Ende des Golfkrieges hat 1991 der UN-Sicherheitsrat Saddams Regime unter Kuratel gestellt wie noch keines zuvor. Von Anfang an mußte dem Diktator deshalb an der baldigen Rückgewinnung seiner Macht liegen. Seit die UN-Inspekteure ihre Arbeit vor bald sieben Jahren aufnahmen, haben sie zwar schon mehr militärisches Gerät verschrotten können, als im Golfkrieg zerstört wurde. Aber sie wurden dabei ständig behindert, oft bedroht, manchmal glatt abgewiesen. Selbst das Angebot der Weltorganisation, der notleidenden Bevölkerung durch die Erlaubnis begrenzter Ölverkäufe zu helfen, nahm Saddam erst nach jahrelangem Zögern und mit zusammengebissenen Zähnen an.

Im Westen mag das vielen als ein offenkundiger Widerspruch erscheinen. Weiß denn Saddam Hussein nicht, daß die Sanktionen erst aufgehoben werden, wenn die Waffeninspekteure dem Irak eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt haben? Doch ist diese Logik nur dann zwingend, wenn keinerlei Zweifel angebracht wären, es käme dann tatsächlich das Ende des Embargos. Für solche Zweifel hat der Sieger des Golfkrieges, die Vereinigten Staaten, selbst gesorgt. Washington hat nie einen Hehl daraus gemacht, daß nicht die Beseitigung der irakischen Massenvernichtungswaffen, sondern erst die Beseitigung des irakischen Diktators zur Aufhebung der Sanktionen führen dürfe.

Damit aber hat Amerika den wichtigsten Anreiz für Saddam, bei der eigenen Abrüstung behilflich zu sein, zunichte gemacht. Noch so lästige Wirtschaftssanktionen bringen keinen Diktator zum Kuschen. Die Leidtragenden sind die Bürger; wo sie ohnehin unterdrückt werden, bedroht ihr Leiden nicht die Macht der Herrscher, eher bestärkt es diese.

Für Despoten ist nicht die Verhängung von Sanktionen ein Anlaß zum Einlenken, sondern, wenn überhaupt, die Aussicht, durch deren Aufhebung die ungeschmälerte Herrschaft zurückzuerlangen.

Und was geschieht nach dem Bombardement?