Die Begriffskreation "Wander-Marathon" öffnet das weite Assoziationsfeld zwischen urgermanischer Waldsehnsucht und griechisch-olympischer Leistungsfreude, bleibt hinreichend unscharf und macht doch klar, daß einen keine stinknormale Wanderung erwartet.

Tatsächlich erblicke ich an diesem Novembermorgen kaum Vertrautes, als ich am Ort des Geschehens eintreffe - weder karierte Hemden noch abzeichenschwere Filzhüte. Auch klassische Erkennungsmerkmale wie Kniebundhosen und Rucksäcke liegen nur knapp über der Nachweisgrenze. Einige haben sogar die Wanderstiefel gegen Joggingschuhe eingetauscht und nesteln nun an Schrittmessern und Multifunktionschronometern herum.

Pünktlich um 8.15 Uhr wird die Strecke freigegeben. Weil mir erbärmlich kalt ist, halte ich mich an die zügig ausschreitende Spitzengruppe. Rechts und links fliegen die Schaufenster einer hessischen Kleinstadt vorbei. Ehe ich mich versehe, sind wir im freien Gelände.

Der erste Anstieg. Die Frage nach dem Sinn einer 42-Kilometer-Strapaze stellt sich ein. Doch ich lasse sie an mir abgleiten. In der Ausschreibung war ja jeder Leistungszwang dementiert worden: Es gehe "nicht darum, die Strecke in der kürzesten Zeit zurückzulegen", stand da schwarz auf weiß, man könne "unter fachkundiger Leitung" eine "reizvolle Landschaft" kennenlernen.

Mit der Anhöhe erreichen wir einen schönen Aussichtspunkt. Ich bleibe stehen und hole den Photoapparat aus dem Rucksack. Doch als ich mich wieder umdrehe, sind die anderen zu kleinen Punkten am Horizont geschrumpft. Ich forciere das Tempo, doch auf den nächsten Kilometern gelingt es mir lediglich, in Sichtkontakt zu bleiben. Dann bricht auch dieser ab.

Macht nichts, schon werde ich vom nächsten Pulk eingeholt. Kurz bevor ich es auch hier aufgebe, mithalten zu wollen, kommt es zu einem außerplanmäßigen Halt. Eine Abzweigung! Jetzt müßte man die Karte herausholen oder zumindest die kleine Skizze, die wir am Start erhalten haben. Doch dafür ist keine Zeit. Der erste geht nach rechts, die anderen folgen.

Daß wir eine große Zusatzschleife gelaufen sind, erfahre ich eine Stunde später an der Burgruine Greifenstein. Sie dient am heutigen Tag als Versorgungsstation und Kulturtankstelle: Geplant war ein kurzer Vortrag seitens des Burgvereins, doch die Idee wurde schnell wieder fallengelassen.