Vor sieben Jahren entfachte in Bonn ein Kreis angesehener Experten einen Sturm der Entrüstung. Nüchtern im Ton, aber respektlos in der Sache brachte die Deregulierungskommission mit ihren Empfehlungen an die Bundesregierung die namhaften Wirtschaftslobbys gegen sich auf, vom Versicherungswesen über die Energiewirtschaft bis hin zum Handwerk. Der ketzerische Befund der Ökonomen: Ganze Kataloge von Sondervorschriften, die stets mit den Gefahren des Marktversagens begründet werden, dienen vor allem einem ganz anderen Zweck - sie schützen etablierte Anbieter vor mißliebiger Konkurrenz und sind damit zugleich eine zentrale Ursache der Unterbeschäftigung.

Inzwischen ist das Ende der alten, festgefügten Monopol- und Kartellstrukturen etwa bei Telekommunikation und Energieversorgung wesentlich näher gerückt, auch für die Versicherungswirtschaft hat sich der Wettbewerb im europäischen Rahmen verschärft. Die Kernbotschaft ist ohnehin längst verbreitet: Der Dschungel staatlicher Vorschriften muß gelichtet werden, wenn unternehmerische Initiative nicht erdrosselt werden soll. Was gibt es da noch zum Thema Deregulierung zu sagen?

Von einer liberalen Warte aus vor allem dies: Der Fortschritt ist eine gefährlich langsame Schnecke. Nach wie vor suchen Unternehmen und ihre Beschäftigten allzu oft lieber staatlichen Schutz, anstatt sich selbst um Innovation und Flexibilität zu bemühen. Wo sich das Marktprinzip dennoch gegen Sonderinteressen durchsetzen kann, geschieht dies meist nur unter dem Druck des globalen Wettbewerbs oder klammer Staatskassen, aus denen sich der Status quo einfach nicht länger finanzieren läßt. Es fehlt hierzulande, so Jens-Marten Lohse in seinem Buch von der großen Blockade, ein "positives Verhältnis zum Wandel".

Sofern man dabei an das schier endlose Gezerre um Steuer- und Rentenreformen denkt, leuchtet die Diagnose unmittelbar ein. Etwas erstaunlicher ist es schon, daß Lohse von den Bereichen, die schon die Deregulierungskommission unter die Lupe nahm, zwar der Energieversorgung, dem Versicherungswesen und dem Verkehrssektor eigene Kapitel widmet - nicht aber dem Arbeitsmarkt und dem Handwerk. Als Manager einer Consulting-Agentur für Großunternehmen wählte er wohl die ihm besonders vertrauten Märkte kaum anzunehmen, daß er die anderen für Erfolgskapitel der Deregulierungsgeschichte hält.

Während die Nationalökonomie ihre wirtschaftspolitischen Empfehlungen typischerweise an den Staat richtet, spricht Lohse zugleich direkt die Verbraucher an. Und dieser Ansatz weist im Konflikt um die weithin verfluchten neoliberalen Ideen in der Tat auf ein interessantes Feld neuer Auseinandersetzung mit dem Thema: Wie läßt sich - jenseits abstrakter Kategorien wie der "Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts" - auch Kritikern klarmachen, daß Deregulierung eben nicht zwangsläufig ein Programm der sozialen Kälte ist?

Die Verbraucher, so die Botschaft des Buches, hätten eigentlich allen Anlaß, den Abbau gesetzlicher Wettbewerbshemmnisse und damit mehr Marktfreiheit einzufordern: weil eine solche Politik letztlich zu ihrem Nutzen sei. Das läßt sich zum einen mit einer zentralen Denkfigur der Regulierungstheorie begründen. Danach sind Einschränkungen des Wettbewerbs meist nichts anderes als eine zusätzliche Form der Besteuerung: Im einen Fall müssen die Bürger auf Konsum verzichten, weil sie einen Teil ihres Einkommens an den Staatshaushalt abführen im anderen, weil gesetzliche Regeln neue Anbieter vom Markt fernhalten und daher manche Leistungen gar nicht oder nur überteuert zu haben sind.

Bittere Nebenwirkung: Jobs können verlorengehen