Ganz Bonn starrt auf Niedersachsen. Auch wenn Helmut Kohl schon die Frage nach der bundespolitischen Bedeutung der dortigen Landtagswahl gerne als journalistische Infamie abtut. Wir starren einfach weiter. Natürlich auf die Entscheidung über den Kanzlerkandidaten. Die SPD als Event, das hat es lange nicht gegeben. Und mit einer gewissen Wehmut sieht man dem Tag entgegen, an dem zwischen Lafontaine und Schröder alles entschieden sein wird. Keine gemeinsamen Photos mehr hinter Lenkrädern oder bei lauschigen Herbstspaziergängen. Und keine Intrigen mehr? Ohne die täglichen Neuigkeiten von der Kandidatenfront auszukommen wird jedenfalls nicht einfach sein. Es droht ein Horror vacui.

Sicher ist es nur der Angst vor diesem Horror geschuldet, wenn einige in Bonn bereits jetzt über interessante Ersatzkonstellationen nachsinnen. Verliert Schröder, ist guter Rat ohnehin teuer. Darf sich der niedersächsische Ministerpräsident aber am 1. März als strahlender Sieger präsentieren, der seinem CDU-Herausforderer Christian Wulff noch ein paar Prozente abnehmen konnte, sähe die politische Szenerie schlagartig anders aus: Kameraschwenk - und alles starrte auf den Kanzler(kandidaten) der Union. Auch das wird Helmut Kohl dann wahrscheinlich für völlig überflüssig erklären, und Wolfgang Schäuble wird versuchen, sehr ernst und sehr gelangweilt dreinzublicken. Das wäre dann die Ouvertüre zur Kandidatendebatte in der Union.

Einige spekulieren bereits jetzt ein bißchen. Selbst in der CSU. Michael Glos beispielsweise, der Bonner Landesgruppenchef, läßt sich im Spiegel ganz dezent aus der Reserve locken. Natürlich sei es schwer vorstellbar, "daß man ein Rennen gewinnen kann, bei dem man ausgerechnet in der End-phase die Pferde wechselt". Gemeint ist die Bundestagswahl. "Allerdings", setzt Glos nach, "ist eine große Volkspartei nie vor Torheiten geschützt." Und wenn die Pferde schlappmachen würden? Dann, meint der CSU-Mann, "müßte man einen letzten Versuch unternehmen, das Rennen doch noch zu gewinnen." Die CSU muß vierzehn Tage vor der Bundestagswahl ihre absolute Mehrheit verteidigen. Da wird auch in Bayern noch viel dementiert und spekuliert werden.

Joschka Fischer, was soll er machen, trommelt inzwischen weiter: "Letzte Chance für Rot-Grün." Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges! Vorauseilende Enttäuschung, Mißmut und hektische Vorfreude am Beginn der großen Reise wechseln nahezu stündlich. Von der Nervosität der SPD haben sich auch die Grünen ein wenig anstecken lassen. Besser also, der grüne Fraktionschef kümmert sich ein bißchen um seinen eigenen Laden. Im Herbst wird er noch einige interessante Neuzugänge begrüßen können. Jürgen Trittin, den Noch-Parteichef, zieht es in die richtige Politik, in die ungeliebte Bundestagsfraktion also, wo die Realpolitiker schon zu lange den Ton angeben.

Aus Bayern kündigt sich die Linke Claudia Roth an, in Nordrhein-Westfalen hat Ludger Volmer seinen Listenplatz verteidigt. Am vergangenen Wochenende hat sich auch Christian Ströbele in Berlin die ersehnte Startposition nach Bonn erkämpft. Von diesem ambitionierten Quartett darf sich Joschka Fischer einiges erwarten. Nicht nur in der Außenpolitik. Aber Kondition hat er ja.