Etwas Neues mußte sein. Und da sich Peter Fischli (geb. 1953) und David Weiss (geb. 1946) im documenta-Jahr recht erfolgreich als Gärtner betätigt hatten, brachten sie für ihre Ausstellung in Wolfsburg eine Photoserie Blumen mit. Natürlich nicht im japanisch geschnürten Album, sondern als wandfüllende Projektion - aber ebenso sentimental. Hat die beiden Schweizer nun also endgültig der für Menschen ab Mitte Vierzig so typische Tick für alles Blühende und Wachsende erwischt? Und wenden sie sich wie mancher Kollege nach einer solide etablierten Künstlerkarriere der Meditation vor Cosmeen, Malven und späten Rosen zu?

Anlaß der melancholischen Blütenlese von Fischli/Weiss ist das Ende einer fast zweijährigen Retrospektive-Tournee durch die USA. Wolfsburg ist die einzige deutsche Station. Und hier werden die Schweizer plötzlich gefeiert, als spendeten allein sie Trost in einer trüben Kunstszene. Am Eröffnungsabend war das Kunstmuseum so rappelvoll, daß die Drehtüren steckenblieben. Eine Atmosphäre wie beim Rockkonzert, nur das Durchschnittsalter der Gäste lag höher.

Das Erfolgsrezept der beiden: Sie unterschätzen ihr Publikum nicht, und sie langweilen es nicht. Bestes Beispiel, die immer noch populärste Arbeit der beiden (in Wolfsburg dabei), "Vom Lauf der Dinge" (1987). Das Video zeigt eine von Dampf, Feuer, Wasser, Schwer- und Fliehkraft angetriebene Kettenreaktion, die fast jedes tote Überbleibsel aus der Rumpelkammer in zaudernde bis hektische Bewegung versetzt, vom küchenmesserbewehrten Wasserkessel bis zu den ausgelatschten Gartenschuhen. Physikunterricht der unterhaltsamen Art.

Auch über Geschichte referieren die Schweizer mit der kuriosen Kombinationsgabe. Unter dem Motto "Plötzlich diese Übersicht" (1981) haben sie 250 Blitzskulpturen aus Ton geknetet, zum Beispiel: "Pythagoras bestaunt zufrieden seinen Lehrsatz" oder "Frau im Bad" oder "Strangers in the Night Exchanging Glances". Lauter "Lindenstraßen"-Szenen, frisch aus dem Leben gegriffen. Das Historienbild als Boulevardmeldung. Der tägliche Handgriff als Eintrag im Ploetz. Der Schnulzentitel als Genremotiv. Nur neun Figürchen dieser "Übersicht" stehen in Wolfsburg, geschützt in einer Vitrine wie irgendein Chichi oder eine exquisite Porzellanminiatur oder ein archäologisches Fundstück, ein Fetisch, eine Memorabilie. Auch das Teil des kunstsinnigen Spiels, des intellektuellen Fingerhakelns mit allem, was der Alltag bereithält: Dafür lieben wir Peter Fischli und David Weiss.

Und nun die Blumen? Fortsetzung des Elementarunterrichts für fortgeschrittene Kunsthallenbesucher? Oder ein Anfall von Schwäche in Zeiten, wo die Gartenlust landauf, landab Mode geworden ist? Aber eigentlich haben sich Peter Fischli und David Weiss schon immer für Natur interessiert. Haben Kopfkissen in eine vielzipfelige Alpenlandschaft umformatiert, haben den Werdegang des Apfels von der Ernte bis in die Abfüllanlage des Saftherstellers verfolgt, haben wunderbare Tafelgebirge photographiert, um sie langsam, Bild für Bild, in eine Silicon-Valley-ähnliche Architektur zu überführen.

Doch nun hat sich ihr Blick auf Kohlköpfe und Salat verengt, auf Radieschen und Ringelblumen, und sie konsultieren einschlägige Literatur wie Marie-Louise Kreuters "Bio-Garten". Eine Leidenschaft, die lange gärte. Und ein Faible, das ihnen Anlaß gibt für knochenernste Überlegungen. "Der Garten ist die früheste Form von Privateigentum", sagt Peter Fischli und sieht ihn ähnlich wie Vilém Flusser ("Dinge und Undinge") als eine heimtückische Falle, die den Menschen entpolitisiert. Mit Zäunen, Giftspritzen, Maulwurfsfallen verteidigen wir den scheinbar friedlichen Lebenshafen gegen alle Eindringlinge.

In Wolfsburg wissen die Schweizer von solchem Defätismus aber nichts mehr.