die zeit: Arbeitgeber und Arbeitnehmer stöhnen über zu hohe Abgabenlasten. Sie fordern nun ein Erziehungsgehalt, das zusätzlich 32 Milliarden Mark kosten würde. Könnte das die deutsche Wirtschaft überhaupt verkraften?

Hans Geisler: Ich denke, das Gehalt sollte über direkte Steuern finanziert werden. Es würde zu einer stärkeren Belastung derjenigen kommen, die keine Erziehungsleistung erbringen. Die Höhe der Belastung hängt natürlich von der Gesamtgestaltung des Steuersystems ab.

zeit: Was versprechen Sie sich von so einem teuren Erziehungsgehalt für Väter oder Mütter?

Geisler: Erziehungsleistung soll dadurch generell anerkannt werden, und zwar unabhängig davon, von wem sie erbracht wird, das heißt egal ob häuslich oder außerhäuslich, ob von Mann oder Frau. Wir haben uns angewöhnt, nur Erwerbsarbeit gesellschaftlich anzuerkennen. In DDR-Zeiten wurde die Erziehungsarbeit ja weitgehend gesellschaftlich organisiert, die Kinder waren mit einem, teilweise schon mit einem halben Jahr in Krippen. Die Krippenerzieherinnen haben für ihre Arbeit natürlich einen Lohn bekommen und Rentenansprüche erworben. Wenn dieselbe Arbeit nun nur deshalb nicht anerkannt wird, weil sie zu Hause geleistet wird, ist das für mich eine Schizophrenie sondergleichen.

zeit: Viele Kritiker eines Erziehungsgehaltes sehen darin allerdings lediglich ein Mittel, um Frauen zurück an den Herd zu locken und so die Arbeitslosenstatistik zu schönen.

Geisler: Wer das jetzt vorgelegte Modell weiter so auslegt, hat es entweder nicht gelesen oder ist böswillig. Denn danach wird Erziehungsgehalt auch denjenigen bezahlt, die weiter voll berufstätig bleiben. Die können das Geld dann dafür einsetzen, um außerhäusliche Erziehungsleistungen - zum Beispiel in Kindergärten - zu finanzieren, die dann nicht mehr öffentlich subventioniert werden müßten.

zeit: Das Gehalt soll für jedes Kind nach ihren Vorstellungen 1100 Mark bis zum dritten, anschließend 800 Mark bis zum sechsten Lebensjahr des Kindes betragen. Es soll zudem einkommensunabhängig sein. Würden damit aber nicht Familien mit hohem Einkommen unverhältnismäßig begünstigt?