Ich hab' die Nacht geträumet wohl einen schweren Traum. Der Bundeskulturminister fuhr im Kanzleramt am Spreebogen vor, um dem Kanzler (hier ward der Traum undeutlich: Hieß er Kohl?) Bericht zu erstatten: Wie er das Durcheinander geordnet, wie er die Kunstschätze Berlins zum Glänzen gebracht, die Male des Gedenkens errichtet und die zerstreuten Aktivitäten zerstreuter Ministerien gebündelt habe. Und der Kanzler sah, daß es gut war.

Er dachte an Goethe. Das kulturelle Erbe der Nation war endlich in einer Hand, und diese Hand, was sie ererbt von ihren Vätern, erwarb es, um es zu besitzen.

Träumen auch Sie manchmal dummes Zeug, liebe ZEIT-Leser? Aber so dumm ist das gar nicht. Der verabschiedete Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Werner Knopp, hat zum Jahresanfang diesen Traum so laut geträumt, daß seitdem überall der Frage hinterhergedacht wird: Brauchen wir einen Bundeskulturminister? Pourquoi pas, sagt der Franzose. Und weil Knopp alles andere als dumm ist, kann man ja mal drüber reden. Es ist nämlich so, daß der sog. Bund inzwischen 1,3 Milliarden für innerdeutsche Kulturförderung bezahlt (1982 waren es 346 Millionen), gar nicht zu reden von den 3,3 Milliarden, die er gemäß Einigungsvertrag für die neuen Bundesländer ausgegeben hat. Alles für die Kultur.

Darf er das? Wo kein Kläger, ist kein Richter. Weil die Länder klamm sind, freuen sie sich über jede Mark. Und dann das Problem Berlin. Die arme Stadt kann unmöglich tragen, was da an alten Geschichten, an Schlössern, Museen, Theatern, Festspielen auf sie niedergeprasselt ist. Ganze Opern. Wer das bezahlt, hat Macht. Und deshalb, so Knopps gar nicht so verträumter Gedanke, sind Kompetenz, politische Verantwortung und parlamentarische Kontrolle vonnöten.

Also ein Bundeskulturminister? Die "Kulturhoheit der Länder" könnte davon unberührt bleiben. Der Begriff kommt übrigens im Grundgesetz gar nicht vor.

Immer schon hatte der Bund das Recht und die Pflicht, nationale Kulturgüter zu hegen, darunter die sogenannten "Leuchttürme" wie das Marbacher Archiv oder die Deutsche Bibliothek. Ein paar Flackerbojen wie die Bamberger Symphoniker oder die Hersfelder Festspiele sind auch dabei. Die Liste ist sehr bunt. Warum soll es kein Ministerium geben, das für ein bißchen Schwung und Ordnung sorgt?

Ach, unser Kinderglaube an den guten König, der alles richtet! Sehen wir nicht überall die Ohnmacht der Politik und die Gier der Parteien? Was spräche für die Annahme, ausgerechnet auf dem Feld der Kultur, wo sich ein jeder für zuständig hält, werde es anders sein? Was, außer neuen Dienstwagen, käme dabei heraus? Und am Ende ginge es dem Bundeskulturminister nicht anders als seinen Kollegen in den Ländern und Städten: Sie sind die letzten Hunde, die bei Etatkürzungen als erste gebissen werden.