Geschichten gibt es, die spielen mit uns. Klingen mal phantastisch, mal schräg, mal glaubhaft und mal doppelbödig.

Zuerst war es nur eine spannende Geschichte. Ein Mann entdeckt nach dem Tod seiner Mutter einen Koffer auf dem Dachboden. Inhalt: 234 Photographien aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Er übergibt den Kofferschatz dem Auktionshaus Sotheby's. Experten beugen sich darüber: Tatsächlich, es sind Originalabzüge von den Meistern der Avantgarde - Umbo (Otto Umbehr) und Albert Renger-Patzsch, El Lissitzky und Paul Citroen, eine Art Gotha der Photographie. Schwarzweiße Suggestivkraft, die sich im Gedächtnis festsetzt: die dämonische "Katz" von Umbo, die Photogramme von Man Ray, die Muschelstudien von Edward Weston.

Genau das, was der ständig hungrige Markt für Vintage-Prints sucht. Also die Trommel gerührt und eine Erfolgsgeschichte daraus gemacht. "Jahrhundertfund!"

Weltweit macht die "Sammlung Helene Anderson" Furore (ZEIT Nr. 19/97), natürlich auch durch ihren Erlös.

Dann zeigt sich, daß es eine heiße Geschichte ist. Wieso hatte noch nie jemand von der Sammlerin Helene Anderson gehört? Warum gab es in der Korrespondenz der Photographen nicht den kleinsten Hinweis? Den Kölner Kunsthistoriker Herbert Molderings läßt das Märchen von Helene Anderson nicht ruhen. Er sichtet Quellen und untersucht mit der Lupe die Katalogreproduktion einer Photomontage. Was steht denn da auf diesem Ei? Ein Name. Die erste Spur.

Eine Lügengeschichte. Nie hat es den Koffer auf dem Dachboden gegeben, und nie hat die Berlinerin Helene Anderson, verheiratete Burdack, gesammelt. Wohl aber ein Dresdner Unternehmer namens Kurt Kirchbach, der um 1930 herum Erstabzüge gekauft hat.

Eine sehr deutsche Geschichte: Der Sammler wird Mitglied der NSdAP, und weil seine Photographien so wenig dem Blut-und-Boden-Bildgeschmack entsprechen, läßt er sie erst einmal verschwinden.