Verkniffene Revolutionen bekommen schlecht die Revolution von 1848/49 hat sich nicht durchsetzen können, und das geht dem deutschen Volke bis heute nach." So lautete die Bilanz, die der Historiker Veit Valentin am Ende seiner zweibändigen "Geschichte der deutschen Revolution von 1848-1849" zog. Das Werk erschien in den Jahren 1930 und 1931. Damals lag die Weimarer Republik, die sich auf die Tradition der Paulskirche berief, bereits in ihren letzten Zügen, und so war Valentins Diktum überschattet von der Ahnung, daß auch das zweite Experiment mit der Demokratie in Deutschland ungut ausgehen würde.

Dem Beltz Quadriga Verlag ist hoch anzurechnen, daß er Valentins Opus magnum jetzt, rechtzeitig zum 150. Jahrestag der Revolution von 1848, in einer Neuausgabe herausgebracht hat. Denn nach wie vor ist diese Revolutionsgeschichte als Gesamtdarstellung unübertroffen, auch wenn die historische Forschung mittlerweile einige Urteile Valentins korrigiert hat.

Noch heute beeindrucken die umfangreichen Bände nicht nur durch die Fülle des verarbeiteten Quellenmaterials - unter anderem hatte der Autor bereits Zugang zu Moskauer Archiven -, sondern auch durch die Lebendigkeit der Erzählung.

"Mein Buch will gelesen werden", schrieb Valentin im Vorwort, "und nicht nur von Fachleuten es will das Gegenständliche anschauen, das geschichtlich Bedeutsame darstellen es verschmäht nicht die Einzelheit, wenn sie bezeichnend ist, es spricht von Menschen und Einrichtungen, von Zuständen und Ideen, vom Schwergewicht des Überkommenen, von den vielen Möglichkeiten des politischen und sozialen Kampfes, aus denen die bunte Folge der wirklichen Ereignisse entstand."

In der konservativen Weimarer Historikerzunft fand das Werk des liberalen Außenseiters eine sehr unfreundliche Aufnahme. Kein Wunder, denn es zerstörte jenen Negativmythos vom "tollen Jahr" 1848, den die Bismarck-Orthodoxie über Generationen gepflegt hatte und der da lautete: "Alles war nichts gewesen als Narrheit und Torheit, als Unreife, Philisterei, Kinderei und Komik." Gegenüber dieser reaktionären Lesart setzte Valentin die Volksbewegung von 1848/49 in ihr historisches Recht. Er gab damit zugleich wichtige Anstöße für eine sozialhistorische Betrachtung der Revolution, die freilich erst nach 1945 aufgenommen wurden.

Valentin hat die späte Anerkennung seiner Leistung nicht mehr erlebt. Bald nach dem Machtantritt der Nazis aus seiner Stellung im Potsdamer Reichsarchiv entlassen, emigrierte er nach England, später in die USA. Dort starb er Anfang 1947 in einem Washingtoner Hospital. Zu Recht macht Wolfgang Michalka, der Leiter der Rastatter Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte, in seinem Nachwort darauf aufmerksam, daß wir die bislang eingehendste Würdigung von Leben und Werk Valentins einem DDR-Autor - Hans Schleier - zu verdanken haben. ("Die bürgerliche deutsche Geschichtsschreibung der Weimarer Republik", 1975). Das 48er Jubiläum in diesem Jahr sollte Anlaß sein, um mit der Revolution auch ihres bedeutendsten Historiographen zu gedenken.

Veit Valentin: Geschichte der deutschen Revolution1848-1849