Zufrieden blickte Martine Aubry in das Halbrund der Pariser Nationalversammlung. Nach elf Tagen voller Debatten und Änderungsanträge hatte das Parlament vergangene Woche in erster Lesung jenes Gesetz verabschiedet, das Frankreich die 35-Stunden-Woche bringen soll. "Alle Mitglieder der Mehrheit identifizieren sich heute mit dem Gesetz", rief, sichtlich erleichtert, die Arbeitsministerin.

Das lag ihr wohl besonders am Herzen. Denn die 35-Stunden-Woche ist zum politischem Leim geworden, der die Linksallianz von Premier Lionel Jospin zusammenhält. Indem er sein Wahlversprechen einlöst, durch kürzere Arbeitszeiten Frankreichs schwere Beschäftigungskrise lindern zu wollen und "den Menschen wieder ins Zentrum des Wirtschaftens zu stellen", konnte er seine zuletzt arg zerstrittene Koalition wieder befrieden.

Zumindest vorläufig. Denn hellsichtige Franzosen wetten darauf, daß die Folgen der 35-Stunden-Woche anders sein werden als erwartet. "Das Paradoxe ist, daß diese traditionell linke Forderung, wenn sie nun verwirklicht wird, Konsequenzen haben wird, die rechter Programmatik entsprechen - nämlich Lohnmäßigung und größere Flexibilität", meint der renommierte Ökonom Anton Brender.

Vor allem politischem Kalkül haben es auch die Italiener zu verdanken, daß sie von Ende des Jahres 2000 an fürs gleiche Geld nur noch 35 Stunden arbeiten sollen - und Fausto Bertinotti. Der Chef der Rifondazione Comunista besteht auf einem solchen Gesetz, wenn die Minderheitsregierung von Romano Prodi auf seine Unterstützung weiterhin Wert lege. Kommunist Bertinotti hofft auf eine Million neuer Jobs - und darauf, bei den nächsten Wahlen der sozialdemokratischen PDS radikale Wähler abjagen zu können.

Massenarbeitslosigkeit und Koalitionszwänge haben so das Thema Arbeitszeit recht unvermittelt wieder auf die Tagesordnung in Europa gesetzt. Das freut viele Gewerkschafter vor allem in Deutschland, wo die einstige Avantgarde der europäischen Arbeitszeitverkürzung in den vergangenen Jahren ziemlich erlahmt ist. Anfang der Woche war es ÖTV-Chef Herbert Mai, der via Bild wissen ließ, "langfristig" führe "kein Weg an einer Verkürzung der Arbeitszeit vorbei".

Gleich auf dreißig Stunden in der Woche will er die Schaffenszeit der Deutschen am liebsten senken, um so der Jobkrise beizukommen. Als Gegenleistung bietet Mai vage "geringeren Lohnzuwachs" an.

Anfang Februar machte sich der Bundesvorstand des DGB, in dem alle Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften vertreten sind, einstimmig und offiziell eine Initiative zu eigen, die bislang eher im verborgenen wirkt: Im "Projekt Arbeitsumverteilung" grübeln Gewerkschafter und Wissenschaftler aus dem linken Spektrum sowie Vertreter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) seit einigen Monaten, wie das Thema Arbeitszeitverkürzung, auch in den eigenen Reihen, wieder mehrheitsfähig ge macht werden könnte. Nun bekommt das Ganze nicht nur den Segen der DGB-Oberen, sondern demnächst wohl auch ein eigenes Büro und eigene Planstellen.