Ein gangbarer Weg wäre doch, daß zumindest Leuten Sterbehilfe gewährt werden könnte, die, wenn sie noch bei klarem Bewußtsein und gesund sind, für den eventuell eintretenden Fall einer irreversiblen Hilflosigkeit festlegen (bei Verwandten oder vielleicht auch vor einem Notar), daß sie keine lebensverlängernden Maßnahmen mehr wünschen und daß man ihnen mit geeigneten Mitteln aus diesem Leben hinaushilft. Dies sollte so klar sein, daß auch kein Arzt ein schlechtes Gewissen haben müßte. Bedenklicher ist es, für andere zu entscheiden. Dies sollte sich niemand anmaßen.

Ruth Schubert Bad Homburg

Meine Schwiegermutter ist vorgestern gestorben. Zuletzt wog sie nur noch 21 Kilogramm. Bis dahin hatte sie fünf Jahre mit Alzheimer im Bett gelegen, mehrfach dem Tod nahe, immer wieder von Lungenentzündungen und Lungenembolien belastet vom Arzt die notwendige Antibiose beziehungsweise Heparinisierung verweigert, bäumte sie sich bis zum Schluß auf gegen den Tod.

Unfaßbar für alle Beteiligten angesichts dieser ledernen Zähigkeit, wurde sie in ihrer Wohnung von den sechs Kindern und einem ambulanten Pflegedienst gepflegt, gefüttert und umsorgt. Zuletzt nur noch eine verkrampfte, blöde vor sich hin schmatzende Gestalt aus Haut und Knochen.

Ich selbst bin Krankenpfleger. In sieben Jahren Intensivstation stellte sich immer wieder die Frage nach Fortführung oder Beendigung der Therapie, nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten. Die Autorin stellt die Frage: "Hat man als Arzt die Kraft, einfach zuzusehen, wie ein Patient verhungert?" Die Erfahrung des Pflegepersonals lehrt: Nein. Deshalb werden oft genug Entscheidungen hinausgezögert oder nicht getroffen. Wenn dann eine Entscheidung getroffen wird, wendet sich die überwiegende Mehrheit der Ärzte von dem Krankenbett ab. Zurück bleibt die Pflegekraft, allein mit dem Kranken, allein mit den Fragen, allein mit der normativen Forderung nach ganzheitlicher Pflege.

Der Gesetzgeber, die Rechtsprechung und die Ärzteschaft geben sich lieber mit juristischen Spitzfindigkeiten ab, mit Fragen nach dem "mutmaßlichen Willen", dem "mutmaßlichen Einverständnis" des Erkrankten. Es ist die Rede von einem "grundlegenden Wandel in der medizinischen Ethik".

Pikanterweise fällt die Diskussion um ethische Grundwerte der medizinischen Versorgung in eine Zeit, in der es gesundheitspolitisch um die bestmögliche und objektivste Form zur Errechnung des Grenznutzens einer medizinischen Versorgung geht.