Berlin Eine junge Frau wendet sich an den Leiter einer Berliner Wohnungsbaugesellschaft. Sie sucht eine Wohnung: "Auf keinen Fall in Ostberlin. Am liebsten aber im Prenzlauer Berg." Dem Bezirksbürgermeister Reinhard Kraetzer gefällt diese Anekdote. Sie zeigt, was den Wahlkreis 249 so spannend macht. Hier vor allem, im Prenzlauer Berg und in Mitte, ist die politische Geographie Berlins in Bewegung geraten. Wie weit ist da der Osten im Westen und der Westen im Osten angekommen - keiner der Kandidaten, die um ein Direktmandat für den Bundestag kämpfen, weiß das genau.

"Ein Alptraum für die Statistiker" sei der Bezirk, erklärt Marianne Birthler von den Bündnisgrünen. Sie wohnt am Käthe-Kollwitz-Platz, im selben Haus wie der grüne Bundestagsabgeordnete Gerd Poppe, inmitten einer Restaurantkultur, in der die Großstadt auflebt, vor allem nach Mitternacht, während mittlerweile am Westberliner Savigny-Platz schon die Stühle auf den Tischen stehen. Ein paar Schritte weiter liegt die Wohnung von Wolfgang Thierse. Der SPD-Kandidat glaubt auch, der Wahlkreis sei jetzt "viel schwerer zu kalkulieren". Hier habe es "in den letzten Jahren die größten Veränderungen gegeben. Man kann da keinen reinen Ossi-Wahlkampf mehr machen."

Bei aller Unsicherheit gibt es nur eine Sicherheit: die herausfordernde Symbolik des Wahlkreises 249. "Es wird hier um das Thema Berliner Republik gehen." André Brie, der PDS-Vordenker und Wahlkampfleiter, setzt hinzu: "Prenzlauer Berg, Mitte, das ist der Kampf um Berlin, um das Berliner Zentrum." Selbst Günter Nooke, Bürgerrechtler und seit einem Jahr CDU-Mitglied, vergißt da für einen Augenblick seine trockene Rhetorik und bekennt: "Ich will doch die Mitte Berlins nicht Thierse überlassen. Ich will die Berliner Republik mitdefinieren." Dieser Kampf um die Definitionsmacht, der sich da anbahnt, widerspricht dem Naturell einer Marianne Birthler. Auch sie spürt jedoch den Sog der höheren Bedeutung, ist "neugierig" und "offen" für das Thema. Aber gewinnt man mit der "Berliner Republik" die Wähler im Berliner Zentrum? Da beginnt wieder die Unsicherheit.

Die symbolische Überhöhung hat Tradition. Bei der Bundestagswahl 1994 kam es zur Konfrontation zwischen Wolfgang Thierse und dem Schriftsteller Stefan Heym, der für die PDS antrat. Zur Wahl stand: Wer ist die berufene Stimme des Ostens? Heym, der ungeahnte populistische Fähigkeiten entwickelte, gelang es, Thierse als bundespolitischen Karrieristen hinzustellen er selbst, als Seele und Seelenbalsam des wunden Ostens zugleich, konnte souverän die Fakten ignorieren und Prenzlauer Berg als "Elendsbezirk" bezeichnen. Das war damals schon falsch. Heym schlug Thierse denkbar knapp, mit 4483 Stimmen.

Die PDS tut sich schwer, einen Kandidaten zu finden Diese Niederlage mit "beschämend wenig Stimmen" schmerzt Thierse noch heute.

Aber auch die PDS hat für Heyms Sieg teuer bezahlt. Daß der Schriftsteller nach einem halben Jahr sein Bundestagsmandat aufgab, nimmt man im Bezirk immer noch übel. Hat es auch eine symbolische Bedeutung, daß die PDS nur hier und als einzige Partei immer noch nach einen Kandidaten sucht? Gregor Gysi zuckte zurück, weil er nicht sicher sein konnte, einen ähnlichen Erfolg wie Heym zu erringen. Die Zeiten sind vorbei, da die PDS erfolgreich einen Besenstiel aufstellen konnte. Brie weiß, daß man heute keinen "Stimmungswahlkampf Ost" führen kann, schon gar nicht in diesem Wahlkreis.

Aber Anfang März soll gleichwohl der PDS-Kandidat präsentiert werden.