Kaiserin Elisabeth lächelt. Franz Joseph winkt in die Menschenmenge am Straßenrand von Madonna di Campiglio. Die Hoheiten und ihr Hofstaat rollen in Karossen durch den Ort. "Ciao, principessa Sissi!" rufen die Schaulustigen.

Aber da stimmt doch was nicht. Diese Sissi hat blaue Augen und hellblonde Korkenzieherlocken. Die echte Sisi war dunkelhaarig und pflegte ihre schlechten Zähne hinter einem Fächer zu verbergen.

Ein Lakai flankiert auf einer schwarzen Vespa den kaiserlichen Zug. Die Kutschen parken im Zentrum. Kardinal Rauscher, der Beichtvater der kaiserlichen Mutter Erzherzogin Sophie, besteigt als erster das girlandenverzierte Podium auf der Piazza Righi. Der Gottesmann hat eine weltliche Mission. Als Zeremonienmeister kündigt er durchs Mikrophon professionell wie ein Fernsehansager ungefähr zwanzig Paare an: Damen in seidenknisternden Reifröcken, Herren in Uniform. Ihre illustren Namen klingen auf italienisch noch einmal so schön: Der Thronfolger heißt Principe Rodolfo, der bayerische Märchenkönig wird als Luigi Re di Baviera tituliert, Metternich und Bismarck als cancellieri. Richard Wagner tritt als musicista di Corte, als Hofmusiker, aufs Podium.

"Che diavolo", wundert sich eine südländische Donna im Plusterpelz und fragt sich und ihren Mann irritiert, was zum Teufel die Habsburger hier machen. Die Herrschaften auf dem Podest tanzen Walzer. Rechtsrum und nicht unbedingt nach allen Regeln der Etikette. Unter den schwingenden Kleidern blitzen wollene Leggins und Moonboots hervor. Es ist kalt, und es liegt viel Schnee. Es ist Rosenmontag, und da beginnt in Madonna di Campiglio der carnevale.

Gefeiert wird eine ganze Woche lang, Aschermittwoch hin oder her. Es geht ja schließlich nicht so schrecklich lustig zu wie am Rhein, sondern nach Kräften imperial. Selbst das Staatsfernsehen RAI schickt ein Team, um Kaisers Karneval landesweit zu übertragen, bis nach Sizilien hinunter.

Die Faschingshabsburger haben einen vollgestopften Terminkalender. Nach dem Umzug, wenn es dunkel ist, schnallt sich der ganze Hofstaat die Skier unter Krinolinen oder Uniformhosen und fährt mit Fackeln über die Grostäpiste mitten ins Dorf. Im Farbenregen des gewaltigen Eröffnungsfeuerwerks leuchtet die blonde Sissi wie eine Sternenkönigin.

Am Dienstag beehrt die Kaiserin auf Zeit mit ihrem Gefolge den Kinderfasching auf der Piazza Righi. Am Mittwoch führt Kronprinz Rudolf die Gesellschaft aufs Eis des kleinen Sees am Ortsrand. Sissi stärkt das Volk der Skiurlauber mit Glühwein und Krapfen. Am Donnerstag steht eine kaiserliche Skitour mit Einkehr in allen Hütten auf dem Programm, abends tanzen die Höflinge trivial maskierten Piraten und Zigeunerinnen bei der Faschingsparty im "Salone Hofer" Walzer und Polonaise vor. "Alles Walzer" heißt es schließlich auch noch beim Gran Ballo dell'Imperatore, beim feierlichen Kaiserball am Freitag.