Ich mußte selbst ans Telefon", so hält es Ernst Jünger in seinem Tagebuch fest, "und hörte aus Bonn, daß mir der Bundeskanzler am Morgen des 29. März hier in Wilflingen gratulieren wird. Ich weiß es zu würdigen."

Zum 90. Geburtstag des Autors der "Stahlgewitter", der "Marmorklippen", der "Strahlungen": Händeschütteln mit dem legendären Pour-le-Mérite-Träger des Ersten Weltkriegs und fernhin Mitverschworenen Generalfeldmarschall Rommels in der Opposition gegen Hitler, mit dem berühmtesten Zeitzeugen deutscher Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert! Und Helmut Kohl ist der Bundeskanzler, der sich das ausgedacht hat. Er weiß wie nur bei wenigen anderen Anlässen sonst, daß er es genießen wird, diese Rolle zu spielen. Er wird alles, was sie hergibt, auskosten. Und er wird dabei in jeder Sekunde wissen, daß dies kein Traum ist, sondern Wirklichkeit.

Denn dies sind die Augenblicke seiner Kanzlerschaft, in denen alles paßt: die politische Geste, mit der er die Linke ärgern wird, die aber nur gedämpft Einwände wird machen können, denn der sozialistische Präsident Frankreichs, François Mitterrand, ist ein bekennender Verehrer Jüngers. Die staatsmännische Geste, mit der er ein altes Vorurteil widerlegt - hier ehrt die Macht den Geist, und Helmut Kohl ist es, der das für alle Welt sichtbar und glaubhaft vollzieht.

Ernst Jünger scheint sich in der Erwartung des hohen Besuches auf nichts Rechtes konzentrieren zu können. Er geistert durch die Räume der alten Oberförsterei gegenüber dem Stauffenbergschen Schloß, als befände er sich in einem ärgerlichen Traum.

Wenig später trifft Bundeskanzler Kohl in Wilflingen ein. Er landet als Passagier eines Hubschraubers des Bundesgrenzschutzes auf einem Bolzplatz inmitten wohlgepflegter Felder. Es ist ein heller, jubelfrischer Tag

Unterdessen sinniert im ersten Stockwerk des schönen zweigeschossigen Hauses der ehemaligen Oberförsterei der von seiner erwartungsfrohen Familie umgebene Hausherr darüber, wie man einen Bundeskanzler empfängt: "Dem Heuss bin ich damals über die Außentreppe hinunter entgegengekommen." Nicht anders macht es Ernst Jünger dieses Mal, und zwischen herandrängenden Kindern und scheu ein Ordnungsstiften vortäuschenden Erwachsenen begrüßen sich der Gast aus der Bundeshauptstadt und der weißhaarige Anarch mit der Herzlichkeit von Leuten, die das Leben in großen Gruppen und Haufen auf sehr einfache Weise früh kennengelernt haben.

Oben in dem Raum, in dem man sich zum Gespräch niederzulassen gedenkt, ist man dann aber keineswegs allein. Zu viert sitzen sie an einem Tisch. Um den Tisch herum ist ein Gedrängel: die Familie des Geburtstagskindes, der Hausherr von dem Schloß gegenüber, der Landrat, Begleitung aus Bonn.