Clara Barton sank erschöpft und deprimiert an ihrem Schreibtisch nieder, in der feuchtwarmen Luft des tropischen Abends nach Luft ringend. Die 76jährige Gründerin des amerikanischen Roten Kreuzes hatte den ganzen Tag Krankenhäuser und Flüchtlingslager in Havanna besucht und war erschüttert ob des menschlichen Leides. Sie hatte zeit ihres Lebens viel Elend in der Welt gesehen. Doch der seit über zwei Jahren schwelende Konflikt zwischen den spanischen Kolonialherren und einer nach Unabhängigkeit strebenden kubanischen Guerilla schien ihr an Grausamkeit alles in den Schatten zu stellen.

Besonders die vom spanischen General Valeriano Weyler betriebene Strategie, große Teile der Landbevölkerung in Konzentrationslagern von katastrophalen hygienischen Verhältnissen und ohne ausreichend Wasser und Lebensmittel zwangsanzusiedeln, um den Rebellen den Rückhalt in der Bevölkerung zu nehmen, hatte rund 100 000 Todesopfer gefordert. Und das Sterben ging weiter. Wenn Barton aus ihrem Zimmer den Blick über die Terrasse hinaus zum Hafen gleiten ließ, sah sie immerhin etwas, was sie nicht nur an ihre Heimat erinnerte, sondern auch etwas Hoffnung zu geben schien, daß die Vereinigten Staaten dem Massensterben auf der Nachbarinsel nicht länger tatenlos zuschauten:

Dort nämlich schwankten im Wellengang vor dem tropischen Nachthimmel die fahl beleuchteten Masten der U.S.S. Maine. In einer Art Kanonenbootpolitik mit humanitärer Komponente hatte die Regierung in Washington das Schlachtschiff nach Havanna geschickt, zum Schutz amerikanischer Bürger (wie so etwas in allen Krisenregionen hieß und heißt) und als kaum mißzuverstehende Warnung an die Regierung in Madrid.

An diesem Abend des 15. Februar 1898 saß auch Captain Charles Sigsbee an seinem Schreibtisch an Bord der Maine. Nach einem Rundgang über sein Schiff, eine - kubanische - Zigarre rauchend, dachte er über die letzten Tage nach.

Sigsbee konnte zufrieden sein, denn als sein Schiff vor drei Wochen in den Hafen der kubanischen Hauptstadt eingelaufen war, hatte er ernstlich mit einer Konfrontation gerechnet. Die Stimmen jener, die ein Eingreifen in der größten Karibikinsel forderten, wurden immer lauter, nicht nur aus uneigennützigen Gründen. Der Zeitpunkt für eine Annexion, ein alter, schon von Thomas Jefferson gehegter Traum, schien günstig, denn Spanien fand keine Verbündeten mehr in Europa.

Der Besuch der Maine in Havanna war bisher sogar erfreulich konfliktfrei verlaufen: keine Zwischenfälle. Kapitän und Mannschaft konnten spanische Würdenträger und amerikanische Landsleute wie Clara Barton zu Cocktails an Bord begrüßen. In wenigen Tagen sollte das Schiff Kurs auf New Orleans nehmen, den Schauplatz des frankoamerikanischen Karnevals, der für die Crew der Maine mehr Unterhaltung versprach als das "Flagge zeigen" in eisigem diplomatischen Klima. Sigsbee klappte sein Logbuch zu und hörte das Schlagen der Schiffsuhr. Halb zehn abends. Der Chronometer sollte nie wieder erklingen.

Auf der unweit der Maine vor Anker liegenden City of Washington genossen einige Passagiere den Anblick der Hafenlichter, als um 21.40 Uhr ein lauter Knall die Stille zerriß. Ungläubig verfolgten sie, wie die Maine aus dem Wasser gehoben und in einer Kaskade von Detonationen zerrissen wurde. Binnen weniger Minuten war aus dem Stolz der U. S. Navy ein zerbogenes, zerborstenes Wrack geworden, dessen Aufbauten aus dem seichten Hafenwasser herausragten.