die zeit: Die Währungen sind verfallen, eine Rezession steht vor der Tür, es gibt erste soziale Unruhen: Ist das "asiatische Wunder" vorbei?

Lee Kuan Yew: Wie kann das Wunder vorbei sein? Wäre es vorbei, hieße das, die Region würde sich nicht mehr erholen. Das wird sie aber. Wann, das hängt davon ab, wie beherzt die Regierungen die nötigen Reformen anpacken. Sie müssen jetzt das Vertrauen in ihre Währungen wiederherstellen. Sie brauchen mehr Transparenz bei den Banken und bessere Regierungssysteme.

zeit: Das kann dauern. Wird das vielbeschworene "pazifische Jahrhundert" nicht zumindest verschoben werden müssen?

Lee: (lacht) Ich habe nie an ein "pazifisches Jahrhundert" geglaubt in dem Sinne, daß Asien das Wesen der Welt verändern würde. Aber natürlich wird sich das Gravitationszentrum vom Atlantik hin zum Pazifik verschieben, und diese Verlagerung hat nichts mit Südostasien zu tun, sondern mit Japan, Korea und China. Wir sind nur ein Anhängsel des ostasiatischen Gravitationszentrums, das derzeit Japan heißt - und in Zukunft China.

zeit: Bei Ihnen vor der Haustür, in Indonesien, hat die Krise schon die ersten Toten gefordert. Geschäfte werden geplündert und in Brand gesteckt.

Könnte nicht alles noch viel schlimmer kommen?

Lee: Vorübergehend - ja. Wir werden Panik erleben und widrige Reaktionen, welche die gesamte Region beeinflussen: Singapur, Malaysia und Thailand, die Philippinen, alle Asean-Staaten. Aber die Panik wird vergehen, in sechs Monaten - vielleicht auch erst in einem Jahr, falls es zum Schlimmsten kommt und die Situation außer Kontrolle gerät. Aber auch das wird vorübergehen.